Über die Willenskraft – ein Essay

Willenskraft hat einen guten Ruf. Wer früh aufsteht, regelmäßig Sport treibt und seine Vorsätze einhält, besitzt sie. Wer aufschiebt, aufgibt oder immer wieder in alte Gewohnheiten zurückfällt, offenbar weniger.

Aber stimmt das?

 
Über die Willenskraft – ein Essay

Zwischen Wollen und Handeln

Die passenden Ratschläge kennen wir auch:

  • Du musst einfach anfangen.

  • Nicht auf Motivation warten.

  • Routinen schaffen.

  • Dich zusammenreißen.

Und natürlich ist daran etwas Wahres. Manchmal muss ich Dinge tun, auf die ich keine Lust habe. Manchmal hilft kein weiteres Nachdenken, sondern nur der erste Schritt. Schwierig wird es erst, wenn aus diesem „manchmal“ ein „immer“ wird.

Denn hinter dem Satz „Du musst nur wollen“ steckt eine ziemlich große Annahme: dass ein Mensch grundsätzlich tun kann, wozu er sich entschließt.

Zwischen Wollen und Handeln steht dann hauptsächlich die eigene Willenskraft.

Aber was heißt eigentlich: wollen?

 

Das Wollen und das Können

Nehmen wir ein harmloses Beispiel: Ich komme nach einem langen Arbeitstag nach Hause und hatte eigentlich vor, noch ins Fitnessstudio zu gehen. Die Couch sieht allerdings wesentlich verlockender aus. Also muss ich mich entscheiden: Gebe ich meiner Müdigkeit nach oder ziehe ich meine Sportsachen an?

Hier ergibt die Rede von Willenskraft durchaus Sinn. Ich habe 2 Möglichkeiten, beide sind für mich erreichbar, und ich kann mich gegen den bequemeren Impuls entscheiden.

Nur besteht menschliches Handeln nicht immer aus solchen Situationen.

  • Vielleicht bin ich nicht bloß ein wenig müde, sondern völlig erschöpft.

  • Vielleicht habe ich Schmerzen.

  • Vielleicht erscheint mir der Weg ins Fitnessstudio heute nicht unangenehm, sondern kaum bewältigbar.

 

Die Handlung bleibt dieselbe.

Was sich verändert, ist mein Verhältnis zu ihr.

Genau hier wird die Sache philosophisch. Denn ein Entschluss sagt noch nicht, auf welches Können ich zurückgreifen kann.

Maurice Merleau-Ponty beschreibt in seiner Phänomenologie der Wahrnehmung ein ursprüngliches, leibliches „Ich kann“: Wir finden uns handelnd in der Welt zurecht, bevor wir ausdrücklich darüber nachdenken. Gemeint ist damit nicht einfach Selbstvertrauen.

Ich kann an mir zweifeln und trotzdem handeln.

Aber mein Entschluss setzt Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten voraus, die er nicht allein durch seine Entschlossenheit hervorbringt.

Dieses „Ich kann“ fällt im Alltag kaum auf. Ich denke nicht darüber nach, ob ich aufstehen, eine Tasse greifen, einen Freund anrufen oder das Haus verlassen kann. Ich tue es einfach.

Die Welt liegt voller Möglichkeiten vor mir, ohne dass ich sie ständig als solche prüfen müsste.

Erst wenn dieses selbstverständliche Können ins Wanken gerät, merken wir, wie viel davon abhängt.

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Wir wollen immer in einer bestimmten Situation

Die Vorstellung von Willenskraft als einer Art innerem Muskel ist deshalb etwas irreführend. Sie klingt, als säße irgendwo in uns ein Vorrat an Disziplin, auf den wir nur entschlossen genug zugreifen müssten.

Aber wir wollen nie unabhängig davon, wie es uns geht. Angst lässt uns zurückweichen. Freude zieht uns zu etwas hin. Scham macht uns klein. Erschöpfung kann aus einer Kleinigkeit eine enorme Aufgabe machen.

Gefühle stehen unserem Willen also nicht einfach im Weg. Sie gehören zu den Bedingungen, unter denen wir überhaupt etwas wollen.

Das lässt sich leicht beobachten. Wenn ich gut gelaunt bin, erscheint die spontane Einladung am Abend vielleicht verlockend. Ich sehe Möglichkeiten: Leute treffen, rausgehen, etwas erleben. An einem anderen Tag kann dieselbe Nachricht auf meinem Handy liegen und überhaupt nichts in mir auslösen. Oder sie erscheint plötzlich wie eine Verpflichtung, der ich am liebsten entkommen möchte.

Von außen wirken die Möglichkeiten identisch.

Für mich als erlebende Person sind sie es allerdings nicht.

 

Eine Möglichkeit ist für einen Menschen nicht deshalb zugänglich, weil sie theoretisch existiert

Ob sie mir erreichbar erscheint, beeinflusst, ob und wie ich sie ergreife.

Das bedeutet nicht, dass ich mich einer Sache gewachsen fühlen muss, bevor ich sie tun kann. Manchmal erfahre ich mein Können erst beim Versuch. Aber der Hinweis „Du kannst/könntest doch“ erklärt noch nicht, was mich von diesem Versuch abhält.

Damit hängt Freiheit stärker von unserem Verhältnis zur Welt ab, als die Rede von bloßer Willenskraft vermuten lässt.

Und dieses Verhältnis ist keine reine Frage der inneren Haltung. Wer nach der Arbeit Angehörige versorgt, hat andere Spielräume als jemand, dessen Abend frei ist. Wer sich Entlastung leisten kann, gewinnt Zeit und Kraft, die anderen fehlen.

Nicht jedes Hindernis sitzt im Kopf. Manchmal fehlen ziemlich handfeste Voraussetzungen – und kein noch so entschlossener Wille zaubert zusätzliche Zeit und Kraft herbei.

 

Warum Ziele manchmal nicht helfen

Ähnlich verhält es sich mit der Zukunft.

Wer etwas will, greift (gewissermaßen) voraus.

  • Ich lerne heute, weil ich später eine Prüfung bestehen möchte.

  • Ich trainiere, weil ich fitter werden will.

  • Ich führe ein unangenehmes Gespräch, weil ich hoffe, dass danach etwas besser ist.

Bei solchen Vorhaben hilft es, wenn Zukunft nicht bloß vor mir liegt, sondern Veränderung verspricht.

Nicht jedes Wollen braucht diese Aussicht: Ich kann auch aus Gewohnheit, Pflichtgefühl oder für einen anderen Menschen handeln, obwohl ich selbst wenig Hoffnung habe. Aber für eine Anstrengung, die erst später etwas bewirken soll, macht es einen Unterschied, ob mir diese Wirkung überhaupt noch vorstellbar erscheint.

Das klingt zunächst sehr abstrakt. Im Alltag kennen wir den Unterschied durchaus. Es ist etwas anderes, ob ich denke: „Das wird anstrengend, aber danach habe ich es geschafft“ oder: „Es spielt ohnehin keine Rolle, was ich tue.“

In beiden Fällen kann dieselbe Aufgabe vor mir liegen. Trotzdem ist meine Bereitschaft zu handeln eine völlig andere.

 

„Du musst mehr an dich glauben“?

Ähnlich verhält es sich mit einem anderen Klassiker: Man müsse mehr an sich glauben.

Nur entsteht Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten nicht allein dadurch, dass ich mir oft genug versichere, etwas schaffen zu können. Ich muss auch erfahren, dass ich etwas kann.

  1. Ich tue etwas und merke: Es funktioniert.

  2. Ich überwinde eine Schwierigkeit oder bewirke eine Veränderung.

  3. Beim nächsten Mal traue ich mir ein bisschen mehr zu.

  4. Aus solchen Erfahrungen entsteht Selbstwirksamkeit.

Das Verhältnis funktioniert allerdings auch in die andere Richtung. Wer immer wieder erlebt, dass die eigene Anstrengung nichts verändert, verliert leichter das Vertrauen in das eigene Handeln.

Deshalb greift der Appell, man müsse nur mehr an sich glauben, zu kurz. Manchmal muss ein Mensch zunächst wieder erfahren können, dass sein Handeln überhaupt etwas bewirkt.

Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Die Überzeugung, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können, lässt sich nicht beliebig herbeireden.

 

Ich will damit sagen: Auch das Vertrauen ins eigene Können hat eine Geschichte. Es entsteht nicht unabhängig vom Umgang mit der Welt. Und ihrem Umgang mit uns.

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Wann aus Nicht-Können Willensschwäche wird

Von außen ist all das schwer zu sehen. Wir sehen meistens nur, ob jemand etwas getan hat. Der eine geht morgens laufen, der andere bleibt im Bett. Der eine erledigt seine Aufgaben, der andere schiebt sie vor sich her. Der eine zieht durch, der andere bricht ab.

Und schon liegt die Erklärung nahe: Der eine besitzt eben mehr Willenskraft.

Vielleicht. Vielleicht kostet dieselbe Handlung beide Menschen aber auch etwas völlig Unterschiedliches. Genau deshalb ist es problematisch, sichtbare Leistung mit Willenskraft gleichzusetzen. Wir kennen das Ergebnis, aber nicht den Widerstand, der überwunden werden musste.

 

Trotzdem machen wir daraus erstaunlich schnell eine moralische Frage.

Wer nicht handelt, ist faul, bequem, undiszipliniert oder willensschwach. Aus dem Nicht-Können wird ein Nicht-Wollen – und aus dem Nicht-Wollen ein persönliches Versagen.

Natürlich gibt es auch die andere Seite. Menschen drücken sich vor unangenehmen Aufgaben. Wir erfinden Ausreden, überschätzen Hindernisse und geben manchmal tatsächlich zu früh auf. Es wäre genauso falsch, jede Schwierigkeit zu einer unveränderlichen Grenze zu erklären.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob ein Widerstand vorhanden ist, sondern was für ein Widerstand es ist.

Und genau an diesem Punkt werden allgemeine Ratschläge erstaunlich ungenau.

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Depression zeigt, was wir sonst leicht übersehen

Bei Depressionen lässt sich diese Trennung von Wollen und Können in extremer Form beobachten.

Ein depressiver Mensch kann sehr genau wissen, was er tun sollte. Er kann es sogar tun wollen und dennoch nicht dazu fähig sein.

Das wird häufig als Antriebslosigkeit oder Motivationsverlust beschrieben. Diese Begriffe sind richtig, aber erstaunlich blass für das, was sie bezeichnen. Denn es fehlt nicht einfach ein bisschen Energie. Der eigene Körper kann schwer und fremd werden. Dinge verlieren ihre Bedeutung. Die Zukunft erscheint verschlossen. Tätigkeiten, die früher selbstverständlich waren, rücken plötzlich in eine kaum erreichbare Ferne.

Aufstehen. Duschen. Eine Nachricht beantworten. Vor die Tür gehen. Von außen sind das Kleinigkeiten. Für den Betroffenen haben sie aufgehört, zu sein.

 

Zwischen einem Entschluss und einer Handlung liegt eine ganze Welt.

Ich muss nicht nur wissen, was ich tun möchte. Ich brauche Kraft, muss Möglichkeiten erkennen, meinem Körper vertrauen und zumindest in irgendeiner Form erwarten können, dass mein Tun einen Unterschied macht.

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Wie viel kann ein Mensch von sich verlangen?

Damit bleibt allerdings ein Problem. Wenn nicht jeder Widerstand durch Willenskraft überwunden werden kann: Woher weiß ich dann, wann ich mich antreiben sollte und wann nicht?

Darauf gibt es vermutlich keine allgemeine Antwort.

Und genau deshalb sind allgemeine Urteile so verführerisch. Sie ersparen uns die kompliziertere Frage: Was hält mich eigentlich davon ab, etwas zu tun? Bin ich bloß unmotiviert? Habe ich Angst? Fehlt mir ein Grund? Traue ich mir die Sache nicht zu? Bin ich erschöpft? Oder verlange ich gerade tatsächlich etwas von mir, das ich nicht leisten kann?

Je nachdem kann die Antwort völlig anders ausfallen.

Das bedeutet nicht, jede Grenze einfach hinzunehmen. Menschen können Fähigkeiten entwickeln, Gewohnheiten verändern usw.

Manchmal brauche ich Disziplin, manchmal Mut oder Unterstützung. Und manchmal muss ich anerkennen, dass mehr Druck überhaupt nichts löst.

 

Fazit: Willenskraft ist kein moralisches Gütesiegel

Vielleicht liegt der grundlegende Fehler deshalb darin, Willenskraft als feste Charaktereigenschaft zu betrachten.

Selbst wenn sich Menschen darin unterscheiden, wie gut sie Impulse kontrollieren oder an einem Vorhaben festhalten, erklärt das noch nicht ihre eigentliche Leistung.

Willenskraft ist kein innerer Vorrat, den erfolgreiche Menschen besitzen und andere nicht.

Ob ich einen Entschluss umsetzen kann, hängt auch von meinen Fähigkeiten, meinen Lebensbedingungen und davon ab, wie ich meinen Körper, meine Zukunft und die Möglichkeiten meiner Welt erfahre.

Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara Niebler, Philosophin (M. A.) und freie Redakteurin. Hier untersuche ich persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst sowie psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Mein Fokus liegt auf der kritischen Analyse von Erleben und Gesellschaft – insbesondere dort, wo psychische Gesundheit, soziale Normen und ethische Verantwortung aufeinandertreffen.

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