Immanuel Kant (1724 - 1804)
Hypochondrie
Autorin: Die Inkognito-Philosophin
Immanuel Kant gehört zu den einflussreichsten Philosophen der Aufklärung. Mit seiner kritischen Philosophie wollte er klären, was Menschen erkennen können, wo die Grenzen ihrer Erkenntnis liegen und woran sie ihr Handeln ausrichten sollten.
Der große Denker der Aufklärung war aber nicht nur ein Meister der Philosophie, sondern auch ein Gesundheitsfanatiker. Mit Anfang 40 glaubte er, an sich eine „Anlage zur Hypochondrie“ zu erkennen. Kant wurde sein eigener Arzt! Inspiriert von Friedrich Hoffmann prüfte Kant, was ihm gut tat und was nicht. So entwickelte er eine Art Diät- und Lebensregelwerk, das dem heutigen Konzept der kognitiven Verhaltenstherapie nahekommt.
Sein Glaubenssatz: Nicht die Panik, sondern die Ruhe im Kopf behalten. Denn die Ursache war logisch und lag in seinem „körperlichen Bau“, wie er glaubte.
Immanuel Kant und die Medizin: (#Affiliate-Link/Anzeige) Der Philosoph als Anthropologe, Arzt und Patient
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Hypochondrie
Kants eigene Erfahrungen und die Grillenkrankheit
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Kants Philosophie
Vernunft und der Umgang mit krankhaften Gefühlen
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Ein geregeltes Leben
Alltag, Ernährung und Gesundheitsvorsorge
„Die Schwäche, sich seinen krankhaften Gefühlen überhaupt, ohne ein bestimmtes Object, muthlos zu überlassen (mithin ohne den Versuch zu machen über sie durch die Vernunft Meister zu werden), – die Grillenkrankheit (hypochondria vaga), welche gar keinen bestimmten Sitz im Körper hat und ein Geschöpf der Einbildungskraft ist und daher auch die dichtende heißen könnte – wo der Patient alle Krankheiten, von denen er in Büchern liest, an sich zu bemerken glaubt, ist das gerade Widerspiel jenes Vermögens des Gemüths über seine krankhaften Gefühle Meister zu sein [...]“
– Immanuel Kant, Der Streit der Fakultäten, 1798, Dritter Abschnitt, § 1 „Von der Hypochondrie“, AA VII, S. 103–104.
Kant zur „Grillenkrankheit“ (Hypochondrie)
Kant selbst äußerte sich in seinen Schriften zur Thematik der Hypochondrie, die er als „Grillenkrankheit“ (hypochondria vaga) bezeichnete. Besonders ausführlich beschäftigte er sich damit in seinem Streit der Fakultäten (1798).
Dort beschreibt er die Hypochondrie als eine Schwäche des Gemüts, bei der sich der Mensch mutlos seinen krankhaften Gefühlen überlässt, ohne zu versuchen, diese durch die Vernunft zu beherrschen.
Der Philosoph stellt die Grillenkrankheit der Fähigkeit gegenüber, über krankhafte Gefühle „Meister zu sein“, also sie durch die Vernunft zu beeinflussen. Dabei hält er es durchaus für möglich, dass körperliche Beschwerden zugrunde liegen. Entscheidend ist für ihn, wie der Mensch mit ihnen umgeht.
In seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (#Affiliate-Link/Anzeige) von 1798 beschäftigt er sich ebenfalls mit der Hypochondrie. Dort beschreibt er, wie die Aufmerksamkeit auf bestimmte körperliche Empfindungen diese verstärken und aufrechterhalten kann.
Anmerkung:
Im 18. Jahrhundert war Hypochondrie eine verbreitete Zivilisationskrankheit – besonders in England. Dort bezeichnete man sie mitunter als „English Malady“, also englische Krankheit.
Für Kant war sie auch eine „Gelehrtenkrankheit“, die er mit der sitzenden Lebensweise und den besonderen Belastungen geistiger Arbeit in Verbindung brachte.
Kants Philosophie
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Vernunft, Freiheit und Selbstbestimmung
Seine Kritik der reinen Vernunft (1781) (Affiliate Link) stellte eine grundlegende Frage: Wie ist menschliche Erkenntnis überhaupt möglich?
Kant argumentierte, dass wir die Welt nicht einfach so wahrnehmen, wie sie unabhängig von uns beschaffen ist. Unsere Wahrnehmung wird durch grundlegende Formen unseres Denkens und Anschauens strukturiert. Raum und Zeit gehören beispielsweise zu den Bedingungen, unter denen uns Dinge überhaupt erscheinen können.
Was die Welt unabhängig von unserer Wahrnehmung an sich ist, können wir dagegen nicht unmittelbar erkennen.
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Ethik & Moral
Auch in seiner Ethik räumte Kant der Vernunft eine zentrale Rolle ein. Menschen sollten ihr Handeln nicht allein von persönlichen Wünschen, Ängsten oder den erwarteten Folgen bestimmen lassen. Entscheidend war für ihn, ob die Grundsätze einer Handlung vernünftigerweise für alle gelten könnten.
Daraus entwickelte er den kategorischen Imperativ:
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“
– Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Affiliate Link) von 1785.
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Die Autonomie des Menschen
Ein weiterer wichtiger Gedanke ist die Autonomie des Menschen. Freiheit bedeutet für Kant nicht, einfach tun zu können, was man gerade möchte. Sie besteht auch darin, sich selbst vernünftige Maßstäbe zu geben und nicht bloß äußeren Einflüssen oder eigenen Neigungen zu folgen.
Sein berühmter Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (Affiliate Link) von 1784 bringt diese Haltung auf eine prägnante Formel:
„Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Kant forderte dazu auf, selbst zu denken, sich nicht blind auf Autoritäten zu verlassen und den eigenen Verstand zu gebrauchen.
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Gerade im Zusammenhang mit seiner Hypochondrie ist diese Haltung interessant. Kant versuchte, seine körperlichen Empfindungen nicht zum alleinigen Maßstab seines Lebens werden zu lassen. Er wollte sich von ihnen nicht beherrschen lassen. Das passt zu seinem hohen Anspruch an die Selbstbestimmung des Menschen.
Allerdings wäre es zu einfach, seine Philosophie als eine Art Anleitung zur Kontrolle von Angst und Krankheit zu verstehen.
Kants Überlegungen zur Vernunft und Freiheit betreffen grundlegende Fragen menschlicher Erkenntnis und moralischen Handelns. Sie sind weit mehr als eine persönliche Bewältigungsstrategie.
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Kants Leben in minutiöser Ordnung
Kant führte ein Leben von legendärer Pünktlichkeit und Routine in Königsberg. Sein Alltag war so durchgetaktet, dass die Leute in der Stadt der Überlieferung nach ihre Uhren nach seinen Spaziergängen stellten.
Kein Wunder, dass diese Routine auch half, seine Gesundheitsängste zu zähmen. Er war ein Mann, der jede Bewegung, jeden Luftzug und jeden Bissen genau unter die Lupe nahm.
Ein bekanntes Beispiel ist seine Angst vor Erkältungen. Kant soll darauf geachtet haben, dass kein Luftzug ihn erreichte, und er wickelte sich selbst in seinen eigenen vier Wänden sorgfältig ein. Er vermied es, im Freien zu sprechen, um keine kalte Luft einzuatmen, die seine Lunge schädigen könnte.
Auch seine Ernährung war strikt reglementiert, und er achtete peinlich genau auf die Verdauung, da er glaubte, dass eine gute Verdauung der Schlüssel zu allgemeinem Wohlbefinden sei.
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Die Kunst des geselligen Essens
Bei so vielen Schrullen wundert es, dass Kant sehr gesellig sein konnte. Er speiste zeitlebens niemals allein. Er lud täglich Freunde und Schüler zum Mittagessen ein.
Diese Gewohnheit war nicht nur sozialer Natur. Die lebhafte Konversation am Tisch sollte ihn davon abhalten, sich zu überessen, was er als schädlich für seine Gesundheit ansah.
Heute könnten wir Kants Verhalten als eine Art Strategie verstehen, mit körperlicher Unsicherheit umzugehen: Kontrolle über den Körper und die Umwelt als Mittel gegen Angst und Ungewissheit. Ob darin auch zwanghafte Züge lagen, lässt sich aus den biografischen Anekdoten allein allerdings nicht ableiten.
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Struktur als Anker
Kants akribisches Leben, geprägt von Gesundheitsängsten und festen Regeln, gab ihm eine verlässliche Struktur. Ob diese Lebensweise auch zu seiner bemerkenswerten Langlebigkeit beitrug, lässt sich nicht belegen. Sie bot ihm jedoch einen Rahmen, in dem er sein umfangreiches philosophisches Werk entwickeln konnte.
Er wurde 79 Jahre alt und starb am 12. Februar 1804. Seine letzten Worte an seinen Freund Wasianski, der ihm etwas zu trinken reichte, sollen gelautet haben: „Es ist gut!“
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Weiterführende Literatur: Verliebt in die Metaphysik: Ein Tag im Leben Kants (#Affiliate-Link/Anzeige) – ein philosophisches Porträt.