Sozialphobien

Arten & Formen sozialer Angst

Autorin: Die Inkognito-Philosophin

Minimalistische goldene Linienzeichnung zweier ineinander verschlungener menschlicher Gesichter auf schwarzem Hintergrund.

Gibt es verschiedene Arten der Sozial-Phobie?

Obwohl viele Patienten dieselbe Diagnose erhalten, können die Problemfelder und Symptome der Sozial-Phobie erheblich variieren. So kommt es zu individuellen Unterschieden. Differenzen in den Hauptsymptomen und im Problemfokus sind also typisch.

Während die einen nur in wenigen, spezifischen Situationen Angst empfinden, wie zum Beispiel bei öffentlichen Reden oder Treffen, leiden andere in nahezu allen sozialen Situationen unter Angstsymptomen.

Zudem werden soziale Phobien häufig mit Introvertiertheit und Schüchternheit gleichgesetzt. Allerdings gibt es neben den scheuen und zurückhaltenden Betroffenen auch viele extrovertierte und kommunikative Menschen.

Welche Formen sozialer Angst gibt es?

  • Angst vor Bewertung

    Peinlich auffallen, kritisiert oder abgelehnt werden

  • Angst in sozialen Situationen

    Gespräche, Treffen und Begegnungen

  • Angst vor sichtbaren Symptomen

    Erröten, Schwitzen oder Zittern

Kategorien von Sozialphobien

Soziale Phobien: Kategorien

Welche Subtypen oder Sonderformen sozialer Phobien existieren, wird kontrovers diskutiert. Es gibt jedenfalls verschiedene Möglichkeiten der Kategorisierung:

  • Kategorie 1 – Sozialphobien nach Häufigkeit der gefürchteten sozialen Situationen

  • Kategorie 2 – Sozialangst nach Art der sozialen Begegnung, in der Angst empfunden wird

  • Kategorie 3 – Soziophobie nach Fokus

Kategorie 1:

Häufigkeit der gefürchteten sozialen Situationen

Diese Gruppierung zielt darauf ab, die Anzahl der Situationen zu differenzieren, vor denen eine Person sozial ängstlich ist. Somit führt dieser Ansatz zur Unterscheidung von 3 verschiedenen Arten der sozialen Angst:

Generalisierte Soziophobie

Angst in fast jeder sozialen Situation, völlig unabhängig vom Kontext

Nicht generalisierte Sozialphobie

Angst in bestimmten sozialen Situationen

Spezifische / umschriebene soziale Angst

Angst in nur 1 oder sehr wenigen spezifischen Situationen.

Kategorie 2:

Angst vor bestimmten Arten sozialer Begegnung

Ein weiterer möglicher Ansatz zur Unterscheidung von Menschen mit sozialer Angst basiert auf der Art der Situationen, die bei ihnen Angst auslösen (Spokas & Cardaciotto, 2014). Hierbei scheint die Anzahl der gefürchteten Szenarien nicht von ausschlaggebender Bedeutung zu sein. Innerhalb dieser Kategorie lassen sich drei verschiedene Arten von sozialer Angst unterscheiden:

Angst in Leistungssituationen

Ängstlichkeit in Interaktionssituationen

Angst in Beobachtungs-situationen

Typische Situationen, in denen soziale Ängste auftreten

 
  • sich in Gegenwart anderer äußern

  • in der Öffentlichkeit eine Rede halten

  • bei einem bestimmten Anlass öffentlich in Erscheinung treten

  • Personen des anderen Geschlechts ansprechen

  • Essen und Trinken mit anderen (das Glas oder die Tasse heben ohne Zittern)

  • Teilnahme an Partys, Feiern, Treffen, Verabredungen, Geschäftsessen

  • unter Beobachtung anderer schreiben bzw. eine Unterschrift leisten

  • Autoritätspersonen gegenübertreten

  • in einer Leistungssituation von anderen beobachtet werden (z.B. bei einer Arbeit)

  • sportliche Betätigung, während andere zuschauen (z.B. Gymnastik, Schwimmen)

  • Teilnahme bei Tests und Wettbewerben

  • beim Rotwerden, Zittern oder Schwitzen sich beobachtet fühlen

  • in einem Lokal in der Mitte sitzen

  • in öffentlichen Verkehrsmitteln anderen gegenübersitzen und dabei auffallen

  • Kennen lernen fremder Menschen

  • Besuch öffentlicher Toiletten

  • Bewerbungsgespräche führen

Kategorie 3:

Angstfokus: Bezugspunkt der Angst

Menschen, die an sozialer Phobie leiden, neigen dazu, in einem übermäßigen Maß darauf bedacht zu sein, ihr Verhalten so anzupassen, dass sie nicht negativ beurteilt oder gar abgelehnt werden.

Es gibt jedoch 2 signifikante Abweichungen von diesem Hauptmerkmal:

  1. Angst davor, körperliche Symptome in der Öffentlichkeit zu zeigen.

  2. Angst, andere Menschen falsch zu behandeln und Antipathie zu ernten.

Schwerpunkt:
ungeschicktes Verhalten

Schwerpunkt:
sichtbare Angstsymptome

Schwerpunkt:
mögliche Beschämung anderer

Beispiele für Soziale Phobien

  • Erythrophobie (Angst zu erröten)

  • Sozialphobische Brechangst » vgl. Emetophobie (Angst zu erbrechen)

  • Schulangst (bei Kinder & Jugendlichen)

  • Prüfungsangst

  • Lampenfieber / Redeangst (Logophobie, Glossophobie)

  • selektiver Mutismus (bei Kindern & Jugendlichen)

  • Paruresis (schüchterne Blase, Angst auf öffentliche Toiletten zu gehen)

  • Zahnbehandlungsphobie (Dentophobie, Dentalphobie, Oralphobie)

  • Zahnarztphobie

  • Arztphobie (Iatrophobie)

  • Ergophobie (Ponophobie, Arbeitsplatzphobie, Angst vor Arbeitsumfeld)

  • Androphobie (Angst vor Männern)

  • Gynophobie (Angst vor Frauen)

  • Gelotophobie (Angst ausgelacht zu werden)

  • Anthropophobie (Menschenscheu)

  • Enochlophobie (Angst vor Menschenmassen)

  • Angst vor Blickkontakt

  • Angst in der Öffentlichkeit zu schwitzen (Hyperhidrose-Phobie)

  • Skopophobie (Angst, angestarrt zu werden)

Subtypen & Formen

  • Glossophobie

    Angst vor öffentlichem Reden

    Glossophobie, auch bekannt als die Furcht vor öffentlichem Reden, bezeichnet eine starke und weit verbreitete Angst, vor anderen Menschen zu sprechen. Dieses Phänomen wird oft als Unterform der sozialen Angststörung betrachtet und betrifft die meisten Menschen mit generalisierter sozialer Phobie. Jedoch kämpfen auch Menschen ohne soziale Phobien oft mit dieser speziellen Angst.

  • Erythrophobie

    Angst vor dem Erröten

    Das Röten des Gesichts ist eine natürliche Reaktion, die oft mit Schamgefühlen einhergeht und als sozialer Indikator dient, um zu signalisieren, dass wir uns unseres unangemessenen Verhaltens bewusst sind.

    Erythrophobie, die Angst vor dem Erröten, ist bei Jugendlichen weit verbreitet und nimmt mit zunehmendem Alter tendenziell ab, aber nicht immer.

    Obwohl es ein häufiges Phänomen ist, suchen nur wenige Menschen Hilfe, weil die Angst vor dem Erröten oft mit einem negativen Stigma behaftet ist.

  • Hyperhidrose

    Angst, in der Öffentlichkeit zu schwitzen

    Bei Menschen mit sozialer Angst tritt Hyperhidrose, also übermäßiges Schwitzen, häufig auf. Laut einer Studie sind etwa 25 % der Patienten betroffen (Davidson, Foa, Connor & Churchill, 2002).

    Das vermehrte Schwitzen wird oft als Grund für Kontrollverlust wahrgenommen, was wiederum die Angst schürt. Es ist unklar, ob Hyperhidrose auf eine Funktionsstörung der Schweißdrüsen zurückzuführen ist, auf erhöhte emotionale Erregung in sozialen Situationen oder auf eine Kombination aus beidem. Auf jeden Fall trägt das vermehrte Schwitzen dazu bei, die Ängstlichkeit zu erhöhen.

  • Paruresis

    Schüchterne-Blase-Syndrom

    Paruresis ist eine Erkrankung, bei der Betroffene Schwierigkeiten haben, in Situationen zu urinieren, in denen sie beobachtet oder gehört werden könnten.

    Dieses Phänomen wird oft als "shy bladder syndrome" (Scheue Blase) bezeichnet und kann dazu führen, dass Betroffene sich seltsam oder unsicher fühlen, in der Gegenwart anderer die Toilette zu benutzen.

    Die zugrunde liegende Angst, beurteilt oder negativ bewertet zu werden, kann als eine Form der sozialen Angststörung eingestuft werden. Betroffene machen sich oft Sorgen, dass andere sie als ungewöhnlich oder unsicher wahrnehmen könnten, wenn sie nicht in der Lage sind, in Gegenwart anderer zu urinieren.

  • Parkopresis

    Schüchterner-Darm-Syndrom

    Ähnlich dem schüchternen Blasensyndrom beschreibt die Parkopresis die Unfähigkeit oder Schwierigkeit, in öffentlichen Toiletten oder in Anwesenheit anderer Menschen Stuhl abzusetzen. Den Hintergrund bildet die Furcht vor negativen und ungewollten Beurteilungen durch andere. Das schüchterne Darmsyndrom geht mit signifikantem psychischen Stress einher und beeinträchtigt allgemein die Lebensqualität (Kuoch, Austin & Knowles, 2019). Das Gefühl der Peinlichkeit und Scham sowie das starke Stigma erschweren oft die Suche nach einer geeigneten Behandlung.

  • Olfaktorisches Referenzsyndrom

    Angst, schlecht zu riechen

    Menschen, die am olfaktorischen Referenzsyndrom leiden, sind davon überzeugt, dass sie einen unangenehmen Körpergeruch abgeben. Dies führt zu typischen Symptomen wie dem häufigen Waschen, dem ständigen Wechseln der Kleidung und dem übermäßigen Gebrauch von Deodorants und Parfüms. Betroffene erleben zudem Einschränkungen bei Reisen und im gesellschaftlichen Leben.

    Sie sind oft davon überzeugt, dass sie von anderen negative Rückmeldungen zu ihrem Geruch erhalten, wie zum Beispiel in Form von negativen Gesten oder sogar Bemerkungen. Sie verbringen einen Großteil ihrer Zeit damit, sich um ihren Geruch zu sorgen.

  • Angst vor Blickkontakt

    Wie bereits erwähnt, ist die soziale Angststörung durch eine übermäßige Angst vor Ablehnung und negativer Bewertung gekennzeichnet. Direkter Blickkontakt kann diese Angst auslösen, weshalb sozial ängstliche Menschen versuchen, ihn zu vermeiden.

    Diese Vermeidungsstrategie könnte aus evolutionärer Sicht als adaptive Maßnahme verstanden werden, da sie anderen signalisiert, dass man keine Bedrohung darstellt und eine unterwürfige Position einnimmt.

    Für Sozialphobiker stellt das Vermeiden von Blickkontakt eine Sicherheitsmaßnahme dar, um nicht verärgert, angegriffen oder abgelehnt zu werden.

  • Skopophobie

    Furcht, angestarrt zu werden

    Die Furcht vor Blickkontakt und das Gefühl, angestarrt zu werden, sind eng miteinander verbunden und lassen sich durch die zugrundeliegende Angst vor Bewertung und Zurückweisung erklären. Aus evolutionärer Perspektive signalisiert das Anstarren eine potenzielle Bedrohung.

    Wenn wir kritisch beobachtet oder über längere Zeit angestarrt werden, erkennt das menschliche Gehirn eine soziale Gefahr und schlägt Alarm. Deshalb fühlen sich manche Menschen bereits ängstlich, wenn sie nur daran denken, angestarrt oder kritisch beobachtet zu werden.

  • Deipnophobie

    Angst, zu essen / zu trinken vor anderen

    Das Essen oder Trinken in der Öffentlichkeit kann für viele Menschen mit Sozialphobie eine extreme Stresssituation bedeuten.

    Manche Menschen haben Angst davor, alleine in ein Restaurant zu gehen, weil sie befürchten, dass andere sie für seltsam halten, oder weil sie niemanden haben, mit dem sie gemeinsam essen können. Andere haben Angst davor, mit ihren Begleitern sprechen zu müssen, oder dass andere ihre zitternden Hände beim Essen bemerken.

  • Bibliphobie

    Angst vor dem Vorlesen

    Eine Vielzahl von Menschen, die sich scheuen, anderen Menschen vorzulesen, hat in der Vergangenheit ein einschneidendes soziales Erlebnis erfahren, welches als Auslöser für ihre übermäßige Furcht fungiert.

  • Skriptophobie

    Angst vor dem Schreiben

    Die Skriptophobie, auch als Schreibphobie bekannt, ist eine spezifische Angststörung, die sich durch eine übermäßige Angst vor dem Schreiben auszeichnet, sobald andere Menschen zusehen. Menschen mit Skriptophobie vermeiden es oft zu schreiben, öffentliche Tests abzulegen oder Unterschriften zu geben. Wenn sie glauben, dass jemand sie beim Schreiben beobachtet, können sie physiologische Symptome wie Herzrasen, Atemnot, Zittern, Schwitzen oder Schwindel entwickeln.