Ratschläge sind wie Schläge – ungebeten & oberflächlich
Das Bedürfnis, anderen Menschen Ratschläge zu geben, hat in unserer heutigen Gesellschaft Hochkonjunktur. Überall um uns herum – ob in sozialen Medien, auf Blogs oder im persönlichen Gespräch – begegnen wir einer Vielzahl von Menschen, die fast schon missionarisch ihre Weisheiten zum Besten geben. Stellt sich die Frage: Sind diese gut gemeinten Ratschläge hilfreich?
„Die es gut meinen,
das sind die schlimmsten.“
Gut gemeinte, unaufgeforderte Ratschläge
Selbstverständlich ist nicht jeder Ratschlag unangebracht und schlecht. In diesem Text soll es aber um die ungebetenen Ratschläge gehen: Die oberflächlichen, die ungefragt und viel zu schnell geäußert werden, ohne die individuelle Situation des Gegenübers zu berücksichtigen.
Unabhängig davon, ob es sich um Angehörige, Freunde, Coaches oder Psychotherapeuten handelt – So gut wie immer ist jemand der Meinung, einen besonders wertvollen Tipp parat zu haben. Dies trifft nicht nur auf spezielle Umstände zu, sondern erstreckt sich über jede Lebenssituation.
Und es scheint für die Welt im Allgemeinen zu gelten. Hier ein neuer Ernährungstrend zur Selbstoptimierung, dort psychologische Tipps zur Verbesserung der Partnerschaft – die Flut an ungebetenen Ratschlägen, die uns täglich entgegenströmen, ist unüberschaubar.
Heute existieren entsprechende Inhalte wie Sand am Meer. Sie sollen uns zeigen, wie wir richtig schlafen, wie wir gesund essen, wie wir Sport machen, wie wir lernen oder lieben sollen … da könnte man fast glauben, dieser Experten-Markt bzw. Trend ist entstanden, weil unsere moderne Gesellschaft immer hilfloser, inkompetenter, unwissender wird. Ist das so?
Fehlt es uns nur am richtigen Expertenwissen? Brauchen wir für jeden Lebensbereich etwaige Fachleute, die uns beibringen, wie wir richtig leben?
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Der Drang zur Soforthilfe:
Warum Schweigen uns Angst macht
In unserer Leistungsgesellschaft gilt Passivität als Versagen. Wenn du mir dein Problem erzählst, baut sich in mir eine Spannung auf. Ich halte deine Hilflosigkeit nicht aus, weil sie mich an meine eigene erinnert. Also werfe ich dir einen Ratschlag hin – nicht um dir zu helfen, sondern um mich selbst zu beruhigen. Ich will das Problem „lösen“, damit ich mich nicht länger mit deinem Schmerz auseinandersetzen muss.
Das ist keine Empathie, das ist emotionale Notwehr. Wir nutzen Ratschläge als Schutzschild, um echte, tiefe Begegnungen zu vermeiden.
Denn wer zuhört, muss aushalten.
Wer rät, fühlt sich dominant.
Warum Ratschläge wenig bringen
Eine interessante Studie befasste sich mit dem Phänomen, warum viele Menschen ihre eigenen Ziele häufig nicht erreichen. Gemeint sind alltägliche Dinge des Lebens, zum Beispiel bessere Noten schreiben, Geld sparen, dauerhaft Sport machen, Abnehmen usw.
Zur Überraschung der Wissenschaftler wussten die Teilnehmer genau, was sie tun mussten, um ihre Ziele zu verwirklichen. Also zum Beispiel im ersten Fall mehr Lernen und Nachhilfe nehmen. Sie waren sogar äußerst kreativ dabei, Strategien zu entwickeln. Am Wissen haperte es also nicht, sondern an etwas anderem: dem notwendigen Selbstvertrauen.
Wie konstruktiv sind Ratschläge?
Wie unaufgeforderte Ratschläge auf die Empfänger wirken, zeigen außerdem weitere Untersuchungen: Anstatt zu motivieren, verstärkten sie die Versagensgefühle bei denjenigen, denen man mit dem Rat eigentlich helfen wollte.
Der Grund: unbewusst vermittelte der gut gemeinte Ratschlag die Botschaft, der Beratene hätte nicht alles gegeben, falsch gehandelt, wisse nicht genug, sei selbst schuld usw.
Unerbetene Ratschläge wirken bevormundend und kritisierend, besonders wenn sie auf vermeintliche Schwächen hinweisen. Laut Experten wird dieser Effekt verstärkt, wenn die Tipps zusätzlich Ängste schüren oder Druck ausüben.
Die epistemische Arroganz
Ich weiß (nicht), was du brauchst
Hier kommt die Philosophie ins Spiel, genauer gesagt die Phänomenologie. Edmund Husserl oder Maurice Merleau-Ponty lehren uns, dass jeder Mensch in seiner eigenen „Lebenswelt“ existiert. Wenn ich dir einen Rat gebe, handle ich aus einer unfassbaren Arroganz heraus: Ich tue so, als ob ich deine Welt exakt so wahrnehme wie du. Doch das ist unmöglich.
Ein Ratschlag ist immer ein Transfer aus meiner Welt in deine – ohne Zollkontrolle und ohne Pass. Ich ignoriere dabei deine Situiertheit. Wenn ich einem Depressiven rate, „einfach mal rauszugehen“, verkenne ich die Kausalität seiner Erkrankung.
Ich behandle ein strukturelles, chemisches oder tiefenpsychologisches Problem wie einen kleinen Rechenfehler. Das ist epistemische Ungerechtigkeit: Ich spreche dir ab, dass du selbst der beste Experte für dein Leid bist. Ich entmündige dich, indem ich meine oberflächliche Logik über deine gelebte Realität stülpe.
Ratschläge helfen
– allerdings nur denen, die sie geben
Woher kommt der Drang, so schnell Ratschläge zu geben, anstatt einfach Verständnis zu äußern, wenn uns jemand von seinen Problemen erzählt?
Als Beispiel will ich eine weitere Studie heranziehen: leistungsschwache Schülerinnen, die fast durchgefallen wären, gaben jüngeren Schülerinnen Tipps und Antworten auf deren Fragen zum Lernen.
Es stellte sich heraus, dass diese vermeintlich schwachen Schülerinnen überraschend viele nützliche Lerntipps parat hatten und diese spontan weitergeben konnten.
Am Ende des Schuljahres dann die große Überraschung (bzw. Bestätigung der Ausgangshypothese): Nicht diejenigen, die Tipps erhielten, hatten ihre Noten deutlich verbessert, sondern die Schülerinnen, die in die Rolle der Beraterin geschlüpft waren.
Ratschläge geben fördert Selbstvertrauen
Der Akt des Beratens stärkte den Glauben an die eigene Lernfähigkeit und förderte somit das Selbstvertrauen der Schülerinnen.
Und obendrein machte es sie auch noch glücklich, in die Rolle der Beraterin zu schlüpfen.
Viele von ihnen äußerten den Wunsch, erneut an einem solchen Experiment teilnehmen zu dürfen.
Ratschläge geben stärkt Selbstzufriedenheit
Zusatzeffekt: Wer jemanden berät/hilft, hat selbst den Eindruck, sich ehrlich um die Probleme seiner Mitmenschen zu kümmern und deshalb ein guter Mensch zu sein.
Ratschläge sind also für die Ratgebenden mit einem guten Schuss Selbstzufriedenheit verbunden. Was per se nicht negativ ist, aber die Eigenwahrnehmung beeinflusst.
Ratschläge sind subjektiv
Eigentlich selbstverständlich, aber ist uns selten bewusst. Tatsächlich neigen wir laut Untersuchungen dazu, unsere Ratschläge immer an unsere eigenen Erfahrungen anzupassen.
Im Klartext: Wenn wir einen Rat geben, raten wir exakt zu den Dingen, die für uns persönlich Sinn ergeben, weil sie von unseren Erfahrungen und Werten geprägt sind.
Die Projektions-Falle:
Dein Rat ist dein ungelöstes Thema
Warum raten wir eigentlich genau das, was wir raten? Die Psychologie zeigt uns hier ein spannendes Phänomen: die Projektion. Wenn ich dir sage, du solltest „endlich mal kündigen“ oder „dich mehr abgrenzen“, dann spreche ich oft gar nicht zu dir. Ich spreche zu mir selbst. Dein Problem dient mir als Leinwand für meine eigenen ungelebten Wünsche oder Ängste.
Indem ich dir eine Lösung präsentiere, bearbeite ich stellvertretend meine eigenen Konflikte, ohne mich dem Risiko des Scheiterns auszusetzen.
Es ist ein steriler Prozess. Ich bleibe sicher auf der Zuschauerbank, während ich dir erkläre, wie du auf dem Spielfeld zu rennen hast.
Wir müssen begreifen: Ein Ratschlag sagt 10 % über den Empfänger aus, aber 90 % über den Absender. Wer rät, entblößt sein eigenes Weltbild, seine eigenen Grenzen und vor allem seine eigene Unfähigkeit, das Unbequeme einfach mal stehen zu lassen.
Die dunkle Seite der Macht
Ratschläge als Hierarchie-Tool
Der Philosoph Michel Foucault hätte seine wahre Freude an der modernen Ratgeber-Kultur. Ein Ratschlag etabliert sofort ein Machtgefälle. Es gibt den Wissenden (oben) und den Unwissenden (unten).
In der Sozialpsychologie nennen wir das soziale Asymmetrie. Selbst wenn du es „nur gut meinst“, zwingst du dein Gegenüber in eine defensive Rolle. Er muss sich jetzt rechtfertigen, warum dein (meist banaler) Tipp nicht funktioniert. „Ja, aber das habe ich schon versucht...“ – merkst du was? (an dieser Stelle: Gruß an alle Therapeuten und Therapeutinnen, ich bitte darüber nachzudenken)
Die Person muss sich nun für ihr Problem entschuldigen. Wir rauben dem anderen die Autonomie. Anstatt ihn zu ermächtigen (Empowerment), seine eigenen Ressourcen zu finden, machen wir ihn zum Empfänger unserer Gnade.
Das stärkt zwar deine Selbstwirksamkeit als Ratgeber, schwächt aber das Rückgrat desjenigen, der eigentlich Unterstützung braucht.
Wer heilen will, muss den anderen wachsen lassen – und das passiert selten durch Befehle, die wir als Tipps tarnen.
Die Illusion der Kausalität:
Warum „Tipps“ bei komplexen Systemen versagen
Wir lieben einfache Ursache-Wirkungs-Prinzipien. „Tu A, dann passiert B.“ Das funktioniert beim Backen eines Kuchens wunderbar, aber bei der menschlichen Psyche ist es fatal. Menschen sind keine trivialen Maschinen, sondern hochkomplexe, nicht-lineare Systeme. Ein Ratschlag versucht, diese Komplexität zu ignorieren.
Wenn wir „Tipps“ geben, reduzieren wir das Gegenüber auf ein mechanisches Problem, das man nur richtig justieren muss. Das ist eine Form von Reduktionismus, die der Würde des Individuums nicht gerecht wird.
Wir behandeln die Existenz eines anderen wie eine mathematische Gleichung, bei der wir die Lösung bereits hinten im Buch nachgeschlagen haben. Doch das Leben kennt kein Lösungsheft.
Wer glaubt, mit einem simplen Ratschlag die Dynamik einer jahrelangen Depression oder einer tief verwurzelten Bindungsangst zu knacken, hat das Wesen des Menschseins nicht verstanden.
Wir brauchen keine Mechaniker für unsere Seele, wir brauchen Zeugen unserer Existenz.
Fazit: Darum sind Ratschläge wie Schläge
Ratschläge sind ein Spiegelbild des Absenders, nicht des Empfängers. Daher an dieser Stelle auch ein unaufgeforderter Ratschlag von mir: Bevor du dem Drang nachgibst, jemanden zu belehren, lass es einfach bleiben. Oder frage, ob der- oder diejenige deine Meinung hören möchte.
Man kann niemals wissen, welche Herausforderungen eine Person aktuell erlebt und welchen Hintergrund eine bestimmte Situation hat. Gut gemeinte Ratschläge sind nicht universell einsetzbar. Die Komplexität menschlicher Beziehungen und individueller Lebensumstände lässt kaum Raum für solche einfachen Lösungen.
Quellen:
1) Eskreis-Winkler, L., Fishbach, A., & Duckworth, A. L. (2018). Dear Abby: Should I Give Advice or Receive It? Psychological Science. https://doi.org/10.1177/0956797618795472
2) Schaerer, M., Tost, LP, Huang, L., Gino, F., & Larrick, R. (2018). Ratschläge geben: Ein subtiler Weg zur Macht. Personality and Social Psychology Bulletin , 44 (5), 746–761. https://doi.org/10.1177/0146167217746341
3) Ingrid Gerstbach: Das Problem mit Ratschlägen
4) Psylex: Geben Experten die besseren Ratschläge? Quelle: Psychological Science (2022). DOI: 10.1177/09567976211054089
5) Andrea Wiedel: Warum Ratschläge auch Schläge sind und wie du deinen Mitmenschen wirklich helfen kannst

