Getanzte Tragödien: Über Partyhits mit Tiefgang

Es ist spät in der Nacht und wir grölen angetrunken schicksalsschwangere Texte zu eingängiger Musik. So mancher Partyhit entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als tiefgründige Tragödie.

Griechischer Wein

Man kann die Uhr danach stellen. Irgendwann läuft „Griechischer Wein“ (#Affiliate-Link/Anzeige), die inoffizielle Nach-Mitternacht-Partyhymne des österreichischen Sängers Udo Jürgens. Wer gedankenlos den Refrain mitschmettert, dem entgeht leicht, dass in dem nur zwei Strophen langen Liedtext das Schicksal vieler Migranten besungen wird, die emotional zwischen alter und neuer Heimat oszillieren, hin- und hergeworfen sind zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen der Erinnerung an Vertrautheit und der Erfahrung von Fremdheit:

„Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde / Komm, schenk dir ein / Und wenn ich dann traurig werde, liegt es daran / Dass ich immer träume von daheim, du musst verzeih'n / […] in dieser Stadt / Werd' ich immer nur ein Fremder sein und allein“.

„Griechischer Wein“ ist nicht der einzige Party-Evergreen mit einem nachdenklich stimmenden Text. Oft wird auch Boney M.s „Rivers of Babylon“ (#Affiliate-Link/Anzeige) gewünscht.

Die Lyrics basieren auf den ersten vier Versen von Psalm 137, in dem mit ausdrucksstarken Worten die leidvolle Exilserfahrung des jüdischen Volkes beklagt wird: „An den Strömen von Babel, / da saßen wir und weinten, / wenn wir an Zion dachten. / Wir hängten unsere Harfen / an die Weiden in jenem Land. / Dort verlangten von uns die Zwingherren Lieder, / unsere Peiniger forderten Jubel: / 'Singt uns Lieder vom Zion!' /

Wie könnten wir singen die Lieder des Herrn, / fern, auf fremder Erde?“ Soweit der Liedtext des Boney M.-Hits, der natürlich auf Englisch ist. Psalm 137 endet übrigens nicht gerade im Schunkelmodus: „Tochter Babel, du Zerstörerin! / Wohl dem, der dir heimzahlt, was du uns getan hast! / Wohl dem, der deine Kinder packt / und sie am Felsen zerschmettert!“ (Ps 137,8-9).

  • Stenzel: Religion und Musik: (#Affiliate-Link/Anzeige) Erlösung in der Rock- und Popmusik

 

Verdamp lang her

Nicht nur im Rheinland darf ein Stück nie fehlen, wenn der Kühlschrank leerer und die Gäste voller geworden sind: „Verdamp lang her“ (#Affiliate-Link/Anzeige) der Kölner Mundartrocker BAP.

Darin verarbeitet Wolfgang Niedecken u.a. die schwierige Beziehung zu seinem Vater: „Verdamp lang her, dat ich bei dir ahm Jraav woor / Verdamp lang her, dat mir jesprochen hann / Un dat vum eine och jet beim andere ahnkohm / Su lang, dat ich mich kaum erinnre kann / Häss fess jejläuv, dat wer em Himmel op dich waat / 'Ich jönn et dir', hann ich jesaat“ – auf hochdeutsch: „Verdammt lang her, dass ich bei dir am Grab war, / Verdammt lang her, dass wir gesprochen haben, / Und dass vom einen auch was beim anderen ankam – / So lang, dass ich mich kaum erinnern kann. / Hast fest geglaubt, dass wer im Himmel auf dich wartet, / 'Ich gönn es dir', hab ich gesagt“. Intergenerationale Kommunikationsprobleme und der Glaube als Bruchstelle in der Vater-Sohn-Beziehung.

 

Neue Deutsche Welle

Weg vom Persönlichen, hin zum Sozialen. Die „Neue Deutsche Welle“ sorgt Anfang der 1980er Jahre in der Bundesrepublik für musikalische Innovation und beißende Zeitkritik. Es ist die Musik für eine Nachkriegsgeneration, die sich in der Vorkriegszeit wähnte, für Menschen, die unter der zunehmenden Verschmutzung der Umwelt litten, unter den Folgen des technisch-wissenschaftlichen Fortschrittsversprechens, unter dem schier grenzenlosen Machbarkeitswahn, wie er in dieser Zeit ökonomisch und politisch zum Paradigma der Gesellschaft erhoben wurde, im Neoliberalismus Reagans, Thatchers und Kohls.

In diesem Kontext entstanden nicht nur etwas überambitionierte Öko-Protest-Songs wie

  • Karl der Käfer“ (#Affiliate-Link/Anzeige) (Gänsehaut),

  • süffisante Persiflagen der üblichen Liebesliedlyrik in feministischer Perspektive („Fred vom Juppiter“ (#Affiliate-Link/Anzeige) von Andreas Dorau)

  • oder witzig-ironisch unter Verweis auf deren stupide Banalität („Ich lieb dich nicht / du liebst mich nicht / da, da, da“, (#Affiliate-Link/Anzeige) Trio),

  • sondern auch zwei hintergründige Party-Hymnen für die Ewigkeit: „Major Tom (#Affiliate-Link/Anzeige) völlig losgelöst“ von Peter Schilling

  • und – na, klar: Nenas „99 Luftballons“ (#Affiliate-Link/Anzeige).

Manfred Prescher: Es geht voran: (#Affiliate-Link/Anzeige) Die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik

 

Major Tom

Peter Schilling erbte die Figur des Major Tom von David Bowie, der den Astronauten 1969 für seinen Song „Space Oddity“ (#Affiliate-Link/Anzeige) schuf.

In Schillings Version von 1982 – seit 2024 ist der Refrain die offizielle DFB-Torhymne – wird Major Tom zum tragischen Helden, der die Kontrolle über seine Raumkapsel sowie den Kontakt zur Erde verliert und schließlich ganz allein durchs All fliegt – „völlig losgelöst“.

Von vorneherein war er nicht mehr als ein Rädchen im System der erfolgsorientierten „Egoisten“, die nicht sein Schicksal betrauern, sondern das Scheitern ihrer Forschungsprojekte: „Im Kontrollzentrum, da wird man panisch / Der Kurs der Kapsel, der stimmt ja gar nicht / 'Hallo Major Tom, können Sie hören / Woll'n Sie das Projekt denn so zerstören?' / Doch er kann nichts hör′n“.

Major Tom ist in Schillings Lied der einzige, der menschlich denkt und handelt, der „einen Scherz“ macht, nach dem Sinn des Ganzen fragt („Alles läuft perfekt, schon seit Stunden / Wissenschaftliche Experimente / Doch was nützen die am Ende, denkt / Sich Major Tom“).

Sein Abschiedsgruß „Die Erde schimmert blau / Sein letzter Funk kommt / 'Grüßt mir meine Frau' / Und er verstummt“, zeigt den großen Kontrast zwischen der Logik menschlicher Beziehungen und der technischer Systeme. „Major Tom (völlig losgelöst)“ deutet die Spannungen an, in die wir durch den Fortschritt hineingeraten sind (und immer mehr hineingeraten) und wirft die Frage der Beherrschbarkeit von Technik auf eine ganz eigene Art auf.

Die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion nahmen Anfang der 1980er Jahre bedrohliche Ausmaße an: Die Stationierung von SS20-Mittelstreckenraketen im Osten Europas und die Reaktion des Westens, der so genannte NATO-Doppelbeschluss, versetzten einen ganzen Kontinent in Angst und Schrecken – und führten zum Bruch der sozial-liberalen Koalition und damit zum Ende der Regierung Schmidt.

 

99 Luftballons

Eine politische Antwort auf die damaligen Spannungen war die Friedensbewegung (in West- und Ostdeutschland), eine musikalische Antwort gab die 23-jährige Gabriele Susanne Kerner aus Hagen, die quasi über Nacht unter ihrem Künstlernamen berühmt wurde: Nena.

Als sie mit dem Gitarristen Carlo Karges 1982 bei einem Rolling Stones-Konzert in West-Berlin beobachtet, wie große Mengen bunter Luftballons in den Himmel aufstiegen, fragten sie sich, was wohl passieren würde, wenn die Luftballons über die Mauer nach Ost-Berlin treiben und dort eine paranoide Reaktion auslösen würden. Der innerdeutsche Seitenhieb im Liedtext („Die Nachbarn haben nichts gerafft / Und fühlten sich gleich angemacht“) zeugt von der Genese des Lieds, das ein Jahr später die Charts stürmte und bis heute auf keiner Party fehlen darf.

Und das, trotz eines geradezu deprimierenden Textes.

Die Brisanz des Liedtextes, der voller Desillusion und Endzeitdramatik ist, kommt nur im deutschen Original klar heraus. Umso wichtiger, dass dieses sich etablieren konnte. Die 1984 veröffentlichte englische Version des Songs („99 Red Balloons“) entwickelte sich zwar ebenfalls zu einem internationalen Hit, konnte aber die Popularität des Originals nicht erreichen.

In der englischen Übersetzung wird die Schärfe des deutschen Textes der Metrik geopfert. Der verheerende Krieg, der wegen aufsteigender Luftballons begann und den in Fanatismus verblendete Militärs schließlich gegen selbige führen, wird nicht mehr in seiner ganzen Absurdität der Lächerlichkeit preis gegeben („Dabei schoss man am Horizont / Auf 99 Luftballons“), sondern bekommt eine Eigendynamik, bei der die Luftballons in den Hintergrund treten („Scramble in the summer sky / As 99 red balloons go by“).

Auch der freche Wink Richtung DDR – die „Nachbarn“, die „nichts gerafft“ haben – geht in den militärisch angehauchten Allgemeinplätzen der englischen Fassung unter („With orders to identify / To clarify and classify“).

Das resignative Fazit („Mann, wer hätte das gedacht / Dass es einmal soweit kommt“) verliert zudem im Englischen an Kraft („This is it boys, this is war / The president is on the line“), und gegen die klare Konsequenz des Krieges („99 Jahre Krieg / Ließen keinen Platz für Sieger / Kriegsminister gibt’s nicht mehr / Und auch keine Düsenflieger / Heute zieh ich meine Runden / Seh’ die Welt in Trümmern liegen“), steht die bildhafte Bilanz, die auch auf eine Naturkatastrophe passt („99 dreams I have had / In every one a red balloon / It’s all over and I’m standin’ pretty / In this dust that was a city / If I could find a souvenier / Just to prove the world was here“) – ganz abgesehen davon, dass in der deutschen Fassung die Folgen global („Welt“), in der englischen hingegen lokal begrenzt sind („city“).

Also: Bei der nächsten Party einfach mal drauf achten, zu welcher Tragödie man gerade tanzt.

Dr. phil. Josef Bordat

Gastautor Dr. phil., Josef Bordat ist studierter Philosoph, Soziologe & Dipl.-Ing. Er arbeitet als Journalist & Autor und setzt sich dezidiert mit religiös-philosophischen Themen auseinander. Auf seinem Blog und in seinen Texten gibt er Einblicke in eigene Depressionserfahrungen und deutet sie aus christlicher Perspektive.

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