Über das Bewusstsein
Das menschliche Bewusstsein ist – ein Rätsel. Und das, obwohl wir uns als Menschen mit dem Konzept des Bewusstseins gegenüber Tier und Technik abgrenzen. Diese Grenzen werden – mit Blick auf das Bewusstsein – zunehmend weicher. Es gibt Tiere, die sich im Spiegel erkennen und damit so etwas wie ein Bewusstsein ihrer selbst haben, ein Selbstbewusstsein. Dazu gehören Primaten, aber auch Raben. Und es gibt Technik, die sich in Richtung Bewusstsein zu entwickeln scheint – die Künstliche Intelligenz (KI). Der Abgrenzungsdiskurs wird immer unübersichtlicher, das Bewusstsein als das Typisch-Menschliche zu sehen, fällt immer schwerer.
Bewusstsein ist ein Rätsel.
Das sage nicht ich, das sagt Peter Bieri, einer der großen Philosophen des Geistes, der lange an der Freien Universität Berlin tätig war. Bieri hat schon vor 30 Jahren einen Aufsatz geschrieben mit dem Titel: „Was macht Bewußtsein zu einem Rätsel?“ (1).
Die Antwort lautet: die persönlichen mentalen Zustände und die subjektive Erlebnisqualität all dessen, was wir wahrnehmen. Qualität kommt vom lateinischen Wort qualis, das „wie beschaffen“, „von welcher Art“ bedeutet.
Mehr erfahren » die phänomenologische Perspektive
Davon leitet sich auch das Schlagwort ab, unter dem die Debatte über das phänomenale Bewusstsein seit 1866 geführt wird: Qualia (2) – Was bedeutet das?
Was sind Qualia? Was ist ein Quale?
Daniel Dennett schreibt dazu: „,Quale’ ist ein wenig vertrauter Ausdruck für etwas, das jedem von uns nicht vertrauter sein könnte: die Art und Weise, wie uns Dinge erscheinen“ 3.
Und warum ist das nun ein Problem?
Kurz gesagt: Weil die „Art und Weise, wie uns Dinge erscheinen“ höchst subjektiv ist und das naturwissenschaftliche Bemühen um objektive (zumindest: intersubjektiv bestätigungsfähige) Erkenntnis im Hinblick auf das menschliche Bewusstsein an dieser subjektiven „Art und Weise, wie uns Dinge erscheinen“ scheitert. Die naturwissenschaftliche Methode der Induktion – Beobachtung und Schluss auf Gesetzmäßigkeit – greift beim Versuch, das „Rätsel Bewusstsein“ zu lösen, offenbar systematisch daneben.
Denn einerseits gibt es belastbare naturwissenschaftliche Befunde, etwa zur Entstehung von Schmerz, andererseits verfehlen diese im Blick auf das phänomenale Bewusstsein den Punkt, geben also keine überzeugende Antwort auf die Frage, wie sich dieser Schmerz dann für den Menschen anfühlt.
Wenn ich mir mit einem Hammer auf den Daumen schlage, dann werde ich einen Schmerz empfinden. Dessen bin ich mir so sicher, dass ich es nicht ausprobieren muss. Es reicht eine entsprechende Vorstellung.
Ich nehme dabei an, dass ich in dem Moment, wo der Hammer meinen Daumen trifft und ein Nervenimpuls ins Gehirn gejagt wird, dass dann die sogenannten A-d- und C-Fasern (4) feuern und ich als Folge dessen Schmerzen empfinden werde.
Und das gilt für alle Menschen, neurologische Sonderfälle mal ausgenommen. Doch wie genau sich dieser Schmerz anfühlt, ist von Person zu Person verschieden, da „Schmerz außer einer kausalen Rolle auch einen qualitativen Aspekt umfaßt und man allein mit den Mitteln der Physik, Chemie und Neurobiologie unmöglich zeigen kann, dass es sich für einen Organismus in der für Schmerzen charakteristischen Weise anfühlt, wenn seine C-Fasern feuern“ 5.
Feuernde Nervenfasern vermitteln in unserem Körper etwas, das wir dann als Schmerz empfinden. Sie sind nicht der Schmerz.
Das sagt Ansgar Beckermann, einer der führenden Vertreter der gegenwärtigen Bewusstseinsphilosophie in Deutschland. Und Beckermann sagt weiterhin, dass sich auch das Empfinden bei ein und derselben Person, eingedenk der Umstände, ändern kann.
Wenn man – so sein etwas angenehmeres Beispiel – einen bestimmten Wein trinkt, dann schmeckt der in einer bestimmten Weise. Wenn man nun einen Pfefferminzbonbon gelutscht hat und dann den Wein trinkt, dann schmeckt er, der gleiche Wein, anders, auch wenn es hintereinander binnen weniger Minuten passiert.6
Die Erlebnisqualität ist anders, ohne dass sich die chemischen Eigenschaften des Weins verändert hätten (die wenigen Minuten, die er länger Kontakt mit der sauerstoffhaltigen Luft hatte, kann man hier getrost vernachlässigen).
Der erste Schluck vor dem Bonbon und der zweite Schluck danach, sie müssten gleich schmecken, sie tun es aber offenbar nicht. Die Erlebnisqualität lässt sich nicht auf den chemisch-biologischen Aufnahmeprozess des Körpers und die Arbeit der Geschmacksrezeptoren auf der Zunge reduzieren. Man kann allgemein behaupten: Es gelingt keine Reduktion von Qualia auf naturwissenschaftlich erfassbare Entitäten.
Also: Irgendetwas macht das menschliche Bewusstsein unergründlich. Zumindest kommen wir mit der naturwissenschaftlichen Methode nicht weiter. Das irritiert, ist diese doch ansonsten sehr erfolgreich. Sie hat uns immerhin viele Fortschritte in Technik und Medizin ermöglicht. Doch das „Rätsel“ des Bewusstseins kann sie nicht lösen.
Wir können uns aber diesem „Rätsel“ anders nähern. Wir können schauen, welche Elemente des Bewusstseins charakteristisch sind, was also das Bewusstsein ausmacht. Zunächst ist da das zu Beginn erwähnte Selbstbewusstsein. Wir wissen, dass wir sind, wir erkennen uns im Spiegel oder auf Fotos, wir wissen, dass wir auch Dinge wissen, die andere nicht wissen. Wir können das unterscheiden – das Ich und die Außenwelt.
Das ist nicht in die Wiege gelegt, das entwickelt sich, irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr. Dann entstehen das Ich-Bewusstsein, das Wort „Ich“ im Sprachgebrauch des Kindes und die Abgrenzung zur Außenwelt.
Weitere Erscheinungsformen des Bewusstseins sind der Wille (Volition), die Absicht (Intention), das Denken (Kognition) und die Gefühle (Emotion). Und auch das moralische Bewusstsein, das Gewissen; Bewusstsein und Gewissen kommen vom gleichen lateinischen Wort: conscientia. Diese conscientia ist ein Propium des Menschen.
Ein Schimpanse mag sich im Spiegel erkennen, verfügt jedoch nur über eine begrenzte Fähigkeit zur Informationsverarbeitung. Ein Computer wiederum mag uns bei der Geschwindigkeit und Tiefe der Informationsverarbeitung überlegen sein (etwa besser Schach spielen als der Mensch), weist aber Defizite im Bereich der Gefühlsempfindung auf.
Dass alles zu einem selbstbewussten Ich zusammenkommt – Volition, Intention, Kognition und Emotion – ist dem Menschen vorbehalten.
Bleibt es dabei? Oder wird die Künstliche Intelligenz irgendwann „wach“ und entwickelt Bewusstsein?
Die Möglichkeit eines solchen „emergenten Bewusstseins“ wird im Zusammenhang mit KI derzeit lebhaft diskutiert. Die Vertreter der Emergenzthese übersehen dabei meiner Ansicht nach den nicht nur graduellen, sondern prinzipiellen Unterschied zwischen „Denken“ und „Rechnen“. Schauen wir etwas genauer auf diese Differenz.
Die Geschichte der Künstlichen Intelligenz beginnt vor 2500 Jahren
Damals dachte man freilich noch nicht an Maschinen wie den Computer, doch einige hatten bereits die Idee, dass es möglich (und gut) sei, das Denken durch Rechnen zu ersetzen. Sokrates etwa. Er fragt Euthyphron nach einem Katalog von Regeln, der uns in jedem Augenblick genau sagt, wie wir uns zu verhalten haben.7
Sokrates will klares Regelfolgen ohne Mehrdeutigkeiten. Er will für das menschliche Verhalten das, was wir heute einen Algorithmus nennen.
Das menschliche Handeln lässt sich aber nicht auf bloßes Regelfolgen reduzieren, weil Denken etwas anderes ist als Rechnen. Denken besteht nicht nur im prozesshaften Lösen von Aufgaben, sondern auch in der Entwicklung von Wünschen zweiter Ordnung, dem Wunsch, Wünsche zu haben, der Sehnsucht nach Sachsucht.
Es gehört zum Denken, die Fähigkeit, eine paradoxe Intentionalität zu entwickeln, etwas, das der Psychologe Victor E. Frankl empfahl. Wenn ich Angst vor einer Situation habe, dann soll ich sie mir bewusst vorstellen. Dadurch verliere ich die Angst. Wir können uns also selbst überlisten. Paradoxe Intention: Man macht etwas, das man eigentlich gar nicht machen will, um davon loszukommen.
Es gibt Metakognition – wir denken über unser Denken nach und entwickeln etwa den Gedanken „Das darf ich nicht denken!“. Zum Denken gehören Ironie, Uneigentlichkeit, Lüge, Doppeldeutigkeit, Selbstdistanzierung und -korrektur, Kreativität. Das alles ist menschliches Denken.
Und das alles kann ein regelbasiertes System nicht, das auf prozesshafte Lösungen programmiert bzw. trainiert ist. Denn um ironisch, betrügerisch oder kreativ zu sein, muss man ja gerade mit Regeln brechen – mit denen der Sprache, des Staates oder seines Arbeitsgebiets.
Uneigentlichkeiten in Sprachspielen entdecken, Fragen von Feststellungen unterscheiden, Kontextualisierung von Information, Regeln brechen, um etwas Neues zu schaffen – all das kann die KI nicht bzw. nur insoweit, als sie entsprechend programmatisch dafür eingerichtet und trainiert wurde, vom Menschen.
Es scheint also einen Unterschied zu geben, zwischen dem Menschen mit Bewusstsein und der Maschine, die unbewusst Regeln folgt – algorithmisch – und dabei so tut, als ob ihr dies – einschließlich der Folgen – wirklich bewusst ist. Ist es aber nicht. Auch, wenn KI-generierte Videos kreativ aussehen, sie sind es nicht.
Das Schöpferische entstammt nicht der KI, sondern ihrer geschickten Programmierung. Wir täuschen uns, wenn wir es der KI direkt zuschreiben.
Am weitesten sind diese Selbsttäuschungen bei den Large Language Models (LLMs) fortgeschritten. Man „unterhält“ sich mit einem Chat-Bot wie mit einem Menschen, einer Kollegin, einem Freund oder sogar einem Partner. Die LLMs fassen Informationen zusammen, analysieren sekundenschnell Texte, planen den Urlaub und beraten bei Beziehungsproblemen. Ganze Hausarbeiten lässt man von LLMs schreiben. Ist das nicht mehr als „rechnen“?
Ist das nicht schon „denken“?
Immerhin ist es 2025 Maschinen gelungen, Menschen darüber hinwegzutäuschen, dass sie Maschinen sind – mit den LLMs „LlaMa-3.1-405B“ und „GPT-4.5“ haben erstmals Maschinen den Turing-Test bestanden.
Doch das zeigt mitnichten, dass damit der kategoriale Unterschied zwischen Mensch und Maschine überwunden ist, es zeigt „eher menschliche Leichtgläubigkeit als echte künstliche Intelligenz“8.
Was LLMs machen – und das verdammt gut –, ist die rasche Bereitstellung von Antworten auf ihnen gestellte Fragen mittels statistischer Inferenz, einem Schlussfolgerungsverfahren auf der Grundlage von Daten und Wahrscheinlichkeiten. Für 90 Prozent der Gespräche ist das der richtige Ansatz.
Wenn man ein LLM fragt, was man in Düsseldorf besichtigen kann, dann erhält man eben eine Liste mit Sehenswürdigkeiten der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens – und kein patziges: „Was willst Du denn in Düsseldorf?!“ Es sei denn, ein gewiefter Programmierer aus Köln hätte der LLM für die Frage nach Düsseldorf eine entsprechende Reaktion vorgegeben.
Wir sind uns unserer selbst bewusst.
Die KI nicht.
Wir haben nicht nur zehn oder zwanzig oder hundert Millionen Datensätze zur Verfügung, die wir nach bestimmten Kriterien immer wieder neu rekombinieren, sondern im Prinzip unbegrenzte Spielräume dessen, was wir Gedanken, aber auch Gefühle und Phantasie nennen.
Es wird Zeit, dass wir uns enttäuschen lassen, bevor wir uns in der Vorstellung verlieren, die KI sei uns auch in der komplexen Version des Denkens ebenbürtig, also einem Denken, das mehr ist als Problemlösungskompetenz auf Basis von Informationsverarbeitung.
Wir haben conscientia – Bewusstsein und Gewissen. Die KI nicht. Dessen müssen wir uns bewusst sein.
Mehr erfahren » Hat KI ein Bewusstsein? – Searles Chinese Room
Quellen
1 P. Bieri, Was macht Bewußtsein zu einem Rätsel?, in: T. Metzinger (Hg.), Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie, (Ad/Affiliate-Link) Paderborn 1996, S. 61–78.
2 Der US-amerikanische Mathematiker und Philosoph Charles S. Peirce hat den Begriff Qualia eingeführt, vgl. C. S. Peirce, Collected Papers, Cambridge 1866, Vol VI, § 220-237.
3 D. Dennett, Qualia eliminieren, in: H.-D. Heckmann / S. Walter (Hg.), Qualia. Ausgewählte Beiträge, Paderborn 2001, S. 453–502, hier: S. 453.
4 Bei den Schmerzfühlern (Nozizeptoren) gibt es zwei Typen, die für zwei unterschiedliche Arten von Schmerz verantwortlich gemacht werden: Nozizeptoren mit A-d-Fasern sind schnellleitende Fasern, die hellen, stechenden Schmerz verursachen sollen, Nozizeptoren mit C-Fasern sind langsamleitende Fasern, die als physiologische Ursache des eher dumpfen, häufig tieferen Schmerzes gelten.
5 A. Beckermann, Können mentale Phänomene neurobiologisch erklärt werden?, in: G. Roth / W. Prinz (Hg.), Kopf-Arbeit: Gehirnfunktionen und kognitive Leistungen (Ad/Affiliate-Link) Darmstadt 1996, S. 413–425, hier: S. 419.
6 A. Beckermann, Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, (Ad/Affiliate-Link) Berlin 2001, S. 358.
7 Euthyphron, in: G. Eigler (Hg.), Platon. Werke in acht Bänden, Bd. 1, Darmstadt 2005, S. 351-397.
8 M. Tegmark, Leben 3.0: (Ad/Affiliate-Link) Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz, Berlin 2017, S. 138.