Arbeit – Zukunftsthemen im Renaissance-Utopismus 3
3.1 Arbeit bei Morus
Als Ursache für Arbeitslosigkeit und Elend der Landbevölkerung im feudalistischen England des 15. Jahrhunderts nennt Morus die im Zuge der Einhegungspolitik erfolgte Verdrängung der Bauern von ihrem Ackerland und die Akkumulation der Felder als Weideflächen für die Schafzüchter, die sich als die neuen Grundherren davon ein Wachstum ihres blühenden Wollgeschäfts versprachen. Er stellt diesem turbo-kapitalistischen Verdrängungssystem, in dem sich die „lazy classes“ auf dem Rücken der Arbeiter bereichern, ein kommunistisches Gemeinwesen gegenüber, das von einem besonderen Wirtschafts- und Arbeitsethos geprägt ist.
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Morus packt das Übel an der Wurzel: Die Wirtschaft Utopias kennt kein Geld und kein Privateigentum. Entsprechend ist der Arbeitsbegriff der Utopier nicht geprägt von Wachstumszwang, dem Auseinanderdriften von unproduktiven Eignern und schuftenden Arbeitern, unnützem Luxus auf der einen und bitterer Not auf der anderen Seite. Statt dessen werden neue Formen des Arbeitens definiert, die kommunitaristisch, bedarfs- und gemeinwesenorientiert sind.
Die Landwirtschaft wird zur Sicherung der Grundversorgung ins Zentrum des Wirtschaftslebens gestellt. Es gibt eine allgemeine Arbeitspflicht, der sich auch die „lazy gentry and nobility“ nicht versagen darf.
Dadurch, dass jeder – bis auf die Priester – körperlich mitarbeitet, kann die individuelle Arbeitszeit auf sechs Stunden täglich abgesenkt werden, ohne Wohlstandsverluste hinnehmen zu müssen. Die entstehende Freizeit wird mit wissenschaftlicher und kultureller Beschäftigung ausgefüllt. Es werden mithin durch die veränderte Arbeitsorganisation Freiräume für die Volksbildung geschaffen.
Der primitiv-agrarische Charakter Utopias macht eine spätere Ausdehnung der Arbeitszeit unwahrscheinlich. Mit dem basalen Zivilisationsniveau deutet sich der Nachteil dieses Systems an, doch die Einfachheit, die an ein klösterliches Leben erinnert, führt nach Morus nicht nur zu gewissem Wohlstand für alle, sondern gar zur Befreiung der ehemals notleidenden Massen.
Doch auch die „upper-class“ scheint von ihrer Geldgier befreit, denn in Utopia werden Edelmetalle verachtet: Aus dem Gold, zu dem im Kapitalismus alles drängt, werden in Utopia Nachttöpfe gefertigt! Die allgemeine Arbeitspflicht führt zu kurzen Arbeitszeiten, die, einhergehend mit einem bedarfsgerechten Lebensstil, dem Bildungswesen positive Impulse verleihen.
3.2 Arbeit bei Campanella
Morus Ansatz der Reduzierung individueller Arbeitszeit wird von Campanella aufgegriffen und weiter verschärft. Die Sonnenstaatler arbeiten nur noch 4 Stunden täglich, den Rest der Zeit widmen sie der geistigen und körperlichen Persönlichkeitsentwicklung.
Dennoch existiert beträchtlicher Wohlstand, der auch sichtbar ist. Campanella formuliert, ebenfalls in Anlehnung an Morus, eine klare Position gegen Müßiggang. Es gibt weder in Utopia, noch im Sonnenstaat ein „Recht auf Faulheit“.
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3.3 Arbeit bei Bacon
Bacon weicht in der Organisation von Wirtschaft und Arbeit deutlich von Morus und Campanella ab. Nicht nur, dass Bacon Privateigentum explizit zulässt, auch auf Schlichtheit und Bescheidenheit wird in Bacons Inselstaat kein Wert gelegt. Dieser Unterschied speist sich aus dem Glauben an die Überwindung jeglicher Knappheit durch den wissenschaftlichen Fortschritt. Es ist insoweit nur stringent, wenn Bacon die Bewohner von Bensalem in Luxus schwelgen lässt, unterstreicht er damit doch eindrücklich die Überlegenheit seines wissenschaftszentrierten Gesellschaftsentwurfs.
Von Arbeitszeitreduzierung ist ebenfalls nicht die Rede, dagegen spricht der enorme Einsatz der Forscher in den Labors, die für den Fortschritt – und damit für das Wohl der Menschheit – keine Mühen scheuen.
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3.4 Zusammenfassung
Es scheint sinnvoll und notwendig, zum Abbau der Arbeitslosigkeit, dem größten sozio-ökonomischen Problem der Gegenwart, den Gedanken der radikalen Reduzierung der individuellen Arbeitszeit aufzugreifen, der in den Utopien des Morus und des Campanella formuliert wird.
Er ist in geeigneter Weise zu realisieren, etwa in Form von Teilzeitbeschäftigungsverhältnissen. Nur damit ist letztlich das zu erreichen, was in den utopischen Gemeinwesen die Bindung des Individuums an die Gemeinschaft garantiert und was im real existierenden Gemeinwesen Bundesrepublik für viele Menschen immer mehr zur Utopie wird: die angemessene Teilhabe am Leistungserstellungsprozess und an der Verwendung der daraus resultierenden Produkte.