Sinnsuche & Sinnkrisen im Neo-Existenzialismus

Sinnkrisen und Angst haben dank Klimakrise, Kriege und KI heute Hochkonjunktur. Wie soll man da noch ein sinnvolles Leben führen? Nicht so, wie es die alten Existentialisten vormachten, meint der Philosoph Markus Gabriel. Mit seinem Neo-Existenzialismus plädiert er für ein anderes Verständnis der Freiheit und Sinnsuche. Auch der Soziologe Robert Misik nutzt diesen Begriff, allerdings mit einem ganz anderen Vibe.

Sinnsuche & Sinnkrisen – Neo-Existenzialismus: Gabriel vs. Misik

Die Sinn-Befreiung des Geistes

Gabriels Neo-Existenzialismus

Beginnen wir mit dem verführerischsten Angebot :-) Der klassische Existenzialismus von Sartre und Camus war eine schwere Kost. Er lud uns die ganze Last der Sinnfindung auf die Schultern: Du bist allein, in ein sinnloses Universum geworfen, dazu verdammt, dir aus dem Nichts einen eigenen Sinn zu zimmern. Ein Heldenakt, aber brutal anstrengend.

Sartre: Das Sein und das Nichts (#Affiliate-Link/Anzeige)

Und jetzt kommt Gabriel, der sagt: „Die Welt“ als dieses eine, bedeutungslose Ganze gibt es gar nicht. Seine Philosophie des „Neo-Existentialismus“ soll eine befreiende Alternative bieten.

 

Die sinnvolle Welt

Statt der bedeutungslosen Welt der Alt-Existenzialisten gibt es eine unendliche Fülle an realen „Sinnfeldern“.

Die Regeln der Physik sind in ihrem Sinnfeld genauso real wie die Regeln der Moral im Bereich der Ethik. Freundschaft, Kunst, Recht – alles sind objektive Sinn-Kontexte mit eigener Bedeutung. Vgl. » Die goldene Regel

 

Kernpunkte des neuen Existenzialismus

Kernpunkte des neuen Existenzialismus

Sinn lässt sich vielfach finden

Die erdrückende Last der Schöpfung fällt von uns ab. Wir müssen das Sinnhafte nicht mehr erfinden wie ein denkerisches Genie, wir können es in der Welt entdecken. Das ermutigt.

 

Eine Welt voller Bedeutung

Statt eines kalten, leeren Kosmos blicken wir auf eine unendlich reiche Landschaft voller Bedeutung (Vgl. » Lebenswelt nach Husserl) Unsere Aufgabe ist nicht mehr, dem Nichts etwas abzuringen, sondern uns in dieser Fülle zu orientieren.

Vgl. Was ist der Sinn des Lebens?

 

Freiheit als Navigation

Freiheit ist nicht mehr der Sprung ins Ungewisse, sondern die Fähigkeit, sich bewusst zwischen Sinnfeldern zu bewegen – heute im Feld der Arbeit, morgen im Feld der Freundschaft. Das macht Freiheit zu einer alltäglichen und gelebten Praxis.

 

Das Ende der Beliebigkeit

Das ist richtig gut und stark differenziert, finde ich. Er bricht das Monopol des naturwissenschaftlichen Materialismus. Sein Ansatz ist die Absage an den nihilistischen Standard-Satz, alles sei „nur“ Konstruktion. Wenn der Philosoph von moralischen Tatsachen spricht, die so real sind wie Atome, entzieht er der Beliebigkeit den Boden.

Gabriels Neo-Existentialismus (#Ad/Affiliate-Link) ist eine Philosophie der Ermächtigung. Er möchte uns den Glauben daran zurückgeben, dass unsere Werte nicht nur willkürliche Meinungen, sondern real und begründbar sind.

 

Vgl. zum Thema Sinn auch Dr. Mehrgardts Artikel hier auf dem Blog:

UND ISCHA KNURRTE

  • #1 – Jürgen – Eine Collage von SINN, Feld und Gestalt mit drei Erzählungen

  • #2 – Jochen

  • #3 – Sinn-Matrix: eine erkenntnistheoretische Vertiefung

 

Die soziale Realität

Misiks scharfe Sozialkritik

So schön und befreiend Gabriels Welt der Sinnfelder auch ist – sie malt ausschließlich Blümchen.

» Misik: Die neue (Ab)normalität: (#Ad/Affiliate-Link) Unser verrücktes Leben in der pandemischen Gesellschaft

Hier setzt der Soziologe Robert Misik an. Seine Analyse ist keine Gegen-Philosophie, sondern ein Realitätscheck. Die Suche nach dem Lebenssinn wird zum „Self-Branding“.

Ausgangspunkt ist der Kulturkapitalismus: eine Gesellschaft, in der es keine Trennung mehr zwischen Kultur und Ökonomie gibt. Alles ist zur Ware geworden – nicht nur Produkte, sondern auch Lebensstile, Gefühle und Identitäten. Der zentrale Befehl des Systems lautet nicht mehr „Füge dich!“, sondern „Sei einzigartig! Mach dein Ding! Verwirkliche dich selbst!“

 
Misiks Neo-Existenzialismus als Sinnkrise

Misiks Neo-Existenzialismus als Sinnkrise

Illusion der Freiheit

Gabriel tut so, als wäre die Landschaft der Sinnfelder ein neutraler öffentlicher Park. Misik will zeigen, dass es ein privat bewirtschafteter Themenpark mit Eintrittsgeldern und vorgegebenen Attraktionen ist. Die „freie Navigation“ ist oft nur die Wahl zwischen verschiedenen Konsumangeboten.

Vgl. Ursachen von Armut – Wie entsteht Armut? Warum gibt es Armut?

 

Ignoranz gegenüber eigenen Privilegien

Der Soziologe ruft ins Bewusstsein, dass wir es uns leisten können müssen, frei zu sein. Die Freiheit, über Sinn zu philosophieren, setzt ökonomische und soziale Sicherheit voraus. » Vgl. Kinderarmut hinterlässt Narben in der Psyche

 

Entlarvung von Ideologie

Am wichtigsten ist: die neo-existenzialistische Philosophie lässt sich – gewollt oder nicht – als Ideologie für den Neoliberalismus lesen. Sie sagt dem Individuum immer noch, es allein bestimme seinen Sinn. Das ist Musik in den Ohren einer Ideologie, die jede strukturelle Kritik in ein persönliches Coaching-Problem umwandeln will.

Vgl. Selbstoptimierungswahn + #Selbstliebe (eine Kunst der Inszenierung von Glück)

 

Warum Misik trifft

Misiks Stärke ist, dass er den blinden Fleck jeder rein idealistischen Philosophie beleuchtet: die Macht. Er versteht, dass wir keine freischwebenden Geister sind, die sich mal eben für ein „Sinnfeld“ entscheiden. Wir sind Leib in einem System. Und dieses System ist nicht neutral. Es hat Interessen und beeinflusst unsere Wünsche, bevor wir überhaupt wissen, dass wir sie haben.

Selbstoptimierung und Enhancement: (#Ad/Affiliate-Link) Ein ethischer Grundriss

Gabriels Sinnfelder sind exklusiv einer bestimmten Gruppe von Menschen vorbehalten. Was nützt die schönste Landkarte für Sinn-Möglichkeiten, wenn das gesamte Gelände einem kommerziellen Erlebnispark gleicht, in dem jede Attraktion Eintritt kostet?

Vgl. Macht die Gesellschaft depressiv? Kritik der Kulturkritik

 
Die notwendige Synthese: kritischer Neo-Existenzialismus

Die notwendige Synthese

Kritischer Neo-Existenzialismus?

Wer hat also recht? Der Philosoph, der uns die Freiheit des Geistes verspricht, oder der Soziologe, der uns die materiellen Fesseln zeigt?

Jetzt kommt das „Aber“ an Misiks Perspektive. So brillant seine Kritik am System ist, so schwach ist sie darin, das Individuum zu erklären. Wenn man seine Position radikal zu Ende denkt, landet man in einem Determinismus.

 

Woher kommen denn Sinnsuche, Werte und Erfüllung?

Misik beschreibt die Sehnsucht nach dem „richtigen Leben“, aber er erklärt nicht, worauf sich diese Sehnsucht gründet. Er kritisiert, dass der Markt alle Werte korrumpiert, aber er sagt nicht, woher unkorrumpierte Werte kommen könnten.

» Die Vereindeutigung der Welt. (#Affiliate-Link/Anzeige) Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt

 

Und hier wird doch Gabriels Neo-Existenzialismus wieder interessant.

Eine marxistische Position braucht eine Art idealistischer Philosophie, um überhaupt funktionieren zu können. Um den Kapitalismus als „falsch“ oder „sinnentleert“ zu kritisieren, muss man an einen Maßstab von „richtig“ oder „sinnvoll“ glauben, der nicht aus dem Kapitalismus selbst stammt.

Gabriel würde argumentieren: Der Grund, warum wir die Kommerzialisierung unserer Gefühle als falsch empfinden, ist, dass wir Zugang zu einem realen moralischen Sinnfeld haben, das uns sagt: „Menschen sollten nicht zur Ware gemacht werden.“ Er liefert also die philosophische Begründung für die Existenz dieses externen Maßstabs.

 

Fazit: Dialektik von Sinnsuche & Sinnkrise

Misik ohne Gabriel führt zu zynischer Verzweiflung. Man sieht überall nur das System und die Vereinnahmung und verliert den Glauben an jede Möglichkeit der Veränderung.

Gleichzeitig führt Gabriel ohne Misik zu naiver Weltfremdheit und Perspektiven-Befangenheit. Man schwebt im Reich der Ideen und Ideale und übersieht, wie brutal die materielle Realität viele Menschen einschränkt.

Gerade der naive Idealismus ist in intellektuellen Kreisen häufig vertreten.

Sinnvoll werden aber beide Theorien nur dann, wenn sie sich verbinden: die soziologische Wut und die philosophische Klarheit. So kommen wir zur Erkenntnis, dass es Werte gibt (Gabriel) – können bei dieser aber nicht stehenbleiben.

Vielmehr hilft uns dieses „Wissen“ dabei, das System, welches diese Werte mit Füßen tritt, radikal zu kritisieren (Misik).


Quellen:

1) Gabriel, Markus: Neo-Existentialismus (#Ad/Affiliate-Link)
2) Misik, Robert: Was ist Neo-Existentialismus? (Link zum freien Text auf misik.at)

Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara Niebler, Philosophin (M. A.) und freie Redakteurin. Hier untersuche ich persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst sowie psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Mein Fokus liegt auf der kritischen Analyse von Erleben und Gesellschaft – insbesondere dort, wo psychische Gesundheit, soziale Normen und ethische Verantwortung aufeinandertreffen.

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