Was ist eine Utopie? – Prolog

Wenn jemand sagt, etwas sei "utopisch", dann meint er damit, es sei unwirklich, genauer: es sei zu schön, um wahr zu sein. Darum geht es in dieser literarischen Gattung.

Das utopische Denken zeichnet ein Bild von der Zukunft, das aus einer als mangelhaft empfundenen Gegenwart geboren wird.

Als Projektion dieser Empfindung in die Zukunft entstehen soziale Raum- bzw. Zeitutopien in Form idealisierter Modelle gesellschaftlich-politischer Organisation, die entweder das "perfekte Gemeinwesen" abbilden, als eine gegenwärtig sehnsüchtig erwünschte, gleichwohl unerreichbare, zukünftig aber mögliche Form des Zusammenlebens, oder aber – als Negativ-Utopien – die Fehler der Gegenwart konsequent zu Ende denken und die unmittelbaren und mittelbaren Folgen in Katastrophen- und Untergangsszenarien darstellen. In beiden Fällen leisten die Utopisten "Negationsarbeit", weil sie Gegenbilder zur Wirklichkeit konstruieren.

 

Utopia und Eutopia

Das Wesen der Utopie könnte man dabei schon in den beiden Bedeutungen des Wortes entdecken: Zum einen bedeutet ωτωπία soviel wie "an keinem Ort" oder "nirgendwo" und εύτωπία etwa "guter Ort".

Es geht bei der Utopie also um den Wunsch, in einer Welt zu leben, die nicht existiert und auch nicht existieren kann, deren Existenz man aber inständig wünscht. Die Utopie ist also mehr als ein geschichtsloser, phantastischer Traum vom Paradies als Erlösungsmythos, denn die Utopie nimmt immer vor dem Hintergrund der Wirklichkeit Gestalt an, wie Ernst Bloch (#Ad/Affiliate-Link) betont:

"Die Träume, besser zusammen zu leben, sind nicht beliebig, nicht so gänzlich freisteigend, wie es den Urhebern zuweilen selber erscheinen mochte. Und sie sind untereinander nicht zusammenhanglos, so daß sie nur empirisch aufzuzählen wären wie kuriose Begebenheiten. Vielmehr: sie zeigen sich in ihrem scheinbaren Bilderbuch- oder Revuecharakter als ziemlich genau sozial bedingt und zusammenhängend". Und Thomas Gil weist darauf hin, dass die Bilder einer "guten, gerechten und glücklichen Vergesellschaftungspraxis nur plausibel sind als Gegenbilder zu den unmenschlichen, ungerechten und unglücklich machenden Entwicklungen in der realen konkreten Gesellschaft, die sie kritisieren".

 

Faszination Utopie

Utopien üben mit ihrer Stellung zwischen Hoffnung auf ein "Noch-nicht" (Bloch) und der Gefahr des Missbrauchs (Popper) sowohl im positiven wie auch im negativen Modus eine anhaltende Faszination aus.

Diese Attraktivität liegt wohl auch darin begründet, dass die in den Utopien vorgetragene Kritik des Bestehenden deutlicher wird als in anderen Formen literarischer oder wissenschaftlicher Gesellschaftsanalyse, und je dramatischer die gesellschaftlichen Umbrüche und Gefährdungen sozialer Ordnung erlebt werden, desto dankbarer werden radikale Lösungsansätze aufgenommen, für deren Verbreitung sich die Form der utopischen Erzählung anbietet.

Der "Renaissance-Utopismus" (etwa Morus’ Utopia (#Ad/Affiliate-Link) [1516], Campanellas Civitas Solis (#Ad/Affiliate-Link) [1602], Andreaes Christianapolis [1619]), der im 16. Jahrhundert nach Orientierungen für eine erodierende Gesellschaft zwischen Mittelalter und Neuzeit sucht, ist hierfür ein Beispiel. Davon soll in einer kleinen vierteiligen Serien noch die Rede sein.

Aber auch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit seinen dramatischen Umbrüchen (tiefgreifende wirtschaftliche Depression, Instabilität der freiheitlichen Demokratien, Aufstieg von Kommunismus und Faschismus, zwei Weltkriege) macht diesen Zusammenhang deutlich.

So wundert es nicht, dass die utopische Literatur gerade vor dem Hintergrund dieser historischen Kulisse eine Blütezeit hatte und es mit den bolschewistischen Utopisten Bogdanow (Der rote Planet (#Ad/Affiliate-Link) von 1907); Ingenieur Menni (#Ad/Affiliate-Link) von 1912 und Samjatin (Wir (#Ad/Affiliate-Link) von 1920) sowie der Reaktion von H.G. Wells (Men like Gods (#Ad/Affiliate-Link) von 1923) zu wirkmächtigen Zeitdiagnosen kam, die auch die folgenden negativen Utopien beeinflussten, insbesondere Aldous Huxleys Brave New World (#Ad/Affiliate-Link) von 1932 und George Orwells Nineteen Eighty-Four (#Ad/Affiliate-Link) von 1948.

 

Utopie und Ironie

Die "Vollendung der klassischen Utopietradition" (Saage) im 20. Jahrhundert ist aber insbesondere in Burrhus Frederic Skinners Roman Walden Two (#Ad/Affiliate-Link) von 1948 spürbar, in dem sich positiv- wie negativ-utopische Elemente vermengen und der Anspruch der Utopien auf gesellschaftlichen Fortschritt in neuer Qualität vorgetragen wird:

Der Schöpfer des utopischen Gemeinwesens ist nicht nur ein engagierter Literat, dem es um die Spiegelung sozialer Missstände geht, sondern ein Wissenschaftler, der in der Utopie seine Forschungsergebnisse zur Anwendung bringt.

Daraus ergibt sich eine neue Dimension des Wahrheitsanspruchs des Utopischen, das selbstironische Augenzwinkern, das bei den bisherigen Utopien durchschimmerte, verschwindet zugunsten einer ernsten (da wissenschaftlich gesicherten) Rede vom "besseren Gesellschaftsentwurf".

Das ironische Augenzwinkern bleibt hier der Leserin bzw. dem Leser überlassen.

Dr. phil. Josef Bordat

Gastautor Dr. phil., Josef Bordat ist studierter Philosoph, Soziologe & Dipl.-Ing. Er arbeitet als Journalist & Autor und setzt sich dezidiert mit religiös-philosophischen Themen auseinander. Auf seinem Blog und in seinen Texten gibt er Einblicke in eigene Depressionserfahrungen und deutet sie aus christlicher Perspektive.

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