Mehr Antidepressiva, mehr Depression – was läuft hier schief?

Wir reden mehr über mentale Gesundheit als je zuvor. Es gibt Kampagnen, Awareness-Wochen, Podcasts, Ratgeber, Therapien und natürlich: Antidepressiva ohne Ende. Allein in Deutschland werden über 1,8 Milliarden Tagesdosen pro Jahr verschrieben – das reicht für rund 5 Millionen Menschen täglich. Und trotzdem steigt die Krankheitslast durch psychische Störungen weiter: mehr Krankheitstage, mehr langfristige Arbeitsunfähigkeit, mehr Leid.

Wie passt das zusammen? Eine neue große Studie aus Finnland und Schweden liefert einen wichtigen Teil der Antwort – und sie fällt ziemlich ernüchternd aus.

Mehr Antidepressiva, mehr Depression – was läuft hier schief?

Die Studiendaten:

Wer kommt in die Forschung – und wer nicht?

Ein internationales Forschungsteam hat die Routinedaten von rund 210.000 Patienten mit einer depressiven Störung aus Finnland und Schweden ausgewertet. Also echte Versorgungsrealität, keine ausgewählte Laborgruppe. Dann haben sie geschaut: Wer von diesen Menschen würde überhaupt in eine „klassische“ Antidepressiva-Studie aufgenommen werden – also in die randomisierten kontrollierten Studien (RCTs), auf deren Basis Leitlinien und Therapieempfehlungen beruhen? Das Ergebnis ist heftig:

  • Etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen – rund 33–35 % – wäre systematisch von solchen Studien ausgeschlossen worden.

  • Wenn man die Kriterien für körperliche Erkrankungen etwas weiter fasst, landen wir sogar bei fast 50 %, die durchs Raster fallen.

 

Mit anderen Worten: Die Hälfte der Menschen, die in der Praxis Antidepressiva bekommen, wäre in den Studien, die deren Wirksamkeit belegen sollen, gar nicht dabei gewesen. Die häufigsten Ausschlussgründe:

  • zusätzliche psychische Störungen (Komorbiditäten)

  • körperliche Erkrankungen

  • problematischer Drogenkonsum

Also genau das, was in der Realität völlig normal ist. Die meisten kommen eben nicht mit einem einzigen „sauberen“ Diagnose-Label in die Praxis, sondern mit einem ganzen Paket an Problemen.

 
Warum die Forschung „einfache“ Menschen liebt

Warum die Forschung „einfache“ Menschen liebt

Um zu verstehen, warum das so ist, musst du kurz in die Logik experimenteller Forschung eintauchen. Wenn du einen Medikamenteffekt sichtbar machen willst, willst du vor allem eins vermeiden: zu viel Variabilität. Jeder Unterschied zwischen 2 Personen erzeugt „Rauschen“ in den Daten. Und Rauschen macht Effekte kleiner oder sogar unsichtbar. Deshalb versuchen Forschende, ihre Stichproben so gleichförmig wie möglich zu halten:

  • keine „komplizierten“ Diagnosen

  • lieber Menschen ohne relevante körperliche Erkrankungen

  • möglichst kein Substanzkonsum

  • in vielen Studien: eher Männer als Frauen, um hormonelle Schwankungen zu umgehen

  • in bildgebenden Verfahren gern Rechtshänder statt Linkshänder, weil das Gehirn lateralisiert ist und damit die Auswertung einfacher wird

Die Idee: Je homogener die Gruppe, desto klarer der Effekt des Medikaments. Aus methodischer Sicht kann man das am Anfang der Entwicklung teilweise verstehen – etwa, wenn es um erste Sicherheits- und Wirksamkeitshinweise geht.

 

Aber: Die Medikamente, um die es hier geht, sind seit über 40 Jahren auf dem Markt. In dieser Zeit wurden Millionen Menschen damit behandelt. Dass die Studien immer noch so tun, als würde die Realität nur aus „klinisch schönen“, unkomplizierten Fällen bestehen, ist wissenschaftlich bequem – aber gesellschaftlich brandgefährlich.

 

Repräsentativität ist entscheidend

Das ist in etwa so, als würde eine Wahlumfrage ausschließlich an einer Elite-Privatuniversität durchgeführt. Niemand würde ernsthaft glauben, dass das Ergebnis das ganze Land abbildet. In der psychologischen und medizinischen Forschung passiert genau das aber sehr häufig:

  • Es werden überproportional oft Studierende untersucht.

  • Die berühmten „WEIRD“-Probanden dominieren: western, educated, industrialized, rich, democratic.

  • Und in der klinischen Forschung landen dann auch noch bevorzugt die unproblematischen Fälle im Datensatz.

Das Problem: Die Ergebnisse dieser Studien finden ihren Weg in Leitlinien. Und diese Leitlinien beeinflussen, was Ärzte tun – bei allen, nicht nur bei den „einfachen“ Fällen.

Das ist der Punkt, an dem Repräsentativität nicht mehr akademischer Luxus, sondern eine Frage von Verantwortung wird. Denn jede Behandlung ist eine Abwägung von Nutzen und Risiko. Dafür brauchst du verlässliche Daten – und zwar bei den Menschen, die du wirklich behandelst, nicht bei einer künstlich sauber sortierten Laborpopulation.

 

Die härteste Schieflage:

Die Schwerkranken fehlen

Der vielleicht brisanteste Befund der neuen Studie: Diejenigen, die aus den Studien ausgeschlossen würden, sind nicht etwa die „harmlosen Sonderfälle“, sondern oft die Schwerbetroffenen. Die ausgeschlossenen Patienten hatten:

  • eine 2- bis 3-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit, innerhalb der nächsten 6 Monate stationär aufgenommen zu werden

  • ein deutlich höheres Risiko für Suizidversuche

  • und ein erhöhtes Sterberisiko

Also genau die Menschen, die am dringendsten auf wirksame Behandlung angewiesen sind, tauchen in den Wirksamkeitsstudien kaum auf.

Die Folge: Gerade dort, wo das Leid am größten ist, ist die Datenlage am dünnsten. Dass die tatsächliche Wirksamkeit von Antidepressiva in der Praxis eher bescheiden ausfällt, wirkt vor diesem Hintergrund nicht überraschend, sondern systembedingt.

 

Wenn Marktlogik die Gesundheit frisst

Nun könnte man sagen: Alles halb so wild, es ist halt kompliziert. Aber das ist eine schwache Argumentation, wenn man sich die Dimension anschaut:

  • Millionen Menschen nehmen täglich Antidepressiva.

  • In manchen Ländern, etwa den USA, liegen die Verschreibungsraten noch deutlich höher.

  • Die psychische Krankheitslast steigt trotzdem weiter.

Parallel dazu wachsen die Profite: Der Aktienkurs von Eli Lilly – einer der großen Player im Antidepressiva-Markt – ist seit Mitte der 1980er-Jahre von rund 5 US-Dollar auf etwa 1.000 Dollar explodiert. Und inzwischen verdienen dieselben Firmen massiv an Medikamenten zum Abnehmen.

Mit anderen Worten: Das System belohnt beherrschbare, chronische Krankheit mehr als echte Gesundheit.

 

Mehr Therapie, mehr Awareness… und trotzdem mehr Leid?

Ein verbreiteter Glaube lautet: Wenn wir nur mehr über „Mental Health“ reden, noch mehr Kampagnen starten und mehr Therapien anbieten, dann werden die Probleme kleiner. Ja, am besten führen wir Depression oder mentale Gesundheit als Schulfach ein.

Die Realität sieht aus: mehr Aufmerksamkeit, mehr Diagnosen, mehr Gesundheitswissen, mehr Behandlungen, mehr Medikamente … und trotzdem: mehr Krankheitslast.

Das heißt nicht, dass Reden, Therapie und Medikamente per se schlecht sind. Aber es zeigt, dass wir die Ursachen psychischer Probleme nicht allein im Individuum und dessen Gehirn suchen sollten.

Unsere Umwelt – von Arbeitsbedingungen über soziale Ungleichheit bis hin zu digitaler Dauerbeschallung – spielt eine enorme Rolle. Wenn die biologische Psychiatrie seit den 1980er-Jahren den Ton angibt und dabei die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ausblendet, darf man sich nicht wundern, wenn trotz wachsender Behandlungszahlen das kollektive Wohlbefinden nicht mitzieht.

 
Repräsentativität in der Antidepressive-Forschung

Was folgt daraus?

Aus der neuen Studie lässt sich kein einfacher Slogan basteln wie „Antidepressiva sind gut“ oder „Antidepressiva sind böse“. Denn selbst die Daten über die Nebenwirkungen sind verfälscht.

Aber sie macht ein paar Dinge sehr klar:

  1. Die aktuelle Evidenzlage ist verzerrt

    Ein erheblicher Teil der realen Patienten kommt in den Studien gar nicht vor – vor allem die komplexen und schwereren Fälle.

  2. Gerade bei Hochrisikopatienten ist die Datenlage besonders schwach

    Ausgerechnet dort, wo es um Suizidrisiko, schwere Verläufe und Sterblichkeit geht, wissen wir am wenigsten über realen Nutzen und Schaden der Medikamente.

  3. Die Forschung muss raus aus der Komfortzone

    Breitere Einschlusskriterien, Verknüpfung von RCTs mit Routinedaten und Studien, die echte Versorgungsrealität abbilden, sind überfällig.

  4. Wir brauchen einen ehrlicheren Umgang mit dem, was Antidepressiva können – und was nicht

    Sie können für manche Menschen eine wichtige Stütze sein, vor allem kurzfristig. Sie sind aber kein „Reset-Knopf fürs Hirn“ und schon gar keine Lösung für strukturelle Probleme.

  5. Gesundheit ist mehr als Pharmakologie

    Ohne Veränderungen bei Arbeit, sozialer Absicherung, Bildung, Ernährung, digitaler Nutzung und Beziehungsqualität wird keine Tablette dieser Welt die Depressionswelle brechen.

 

Fazit: Repräsentativität in der AD-Forschung

Wenn du selbst betroffen bist, heißt das nicht, dass du deine Medikamente panisch absetzen sollst – im Gegenteil: Ein Absetzen sollte immer gut geplant und begleitet sein.

In diesem Artikel geht es mir um die gesellschaftliche Ebene: Wir brauchen eine Psychiatrie und Forschung, die die wirkliche Welt abbildet – mit all ihrer Komplexität, ihren Komorbiditäten und ihren Widersprüchen. Solange die Wissenschaft vor allem „saubere“ Daten liebt und die schmutzige Realität aussortiert, werden schöne Kurven in Fachzeitschriften publiziert – aber keine Entlastungen für echte Menschen erreicht.


Quelle

Hamina, A., Pinzón‐Espinosa, J., Taipale, H., Schneider‐Thoma, J., Radua, J., Efthimiou, O., … & Luykx, J. J. (2026). Representation and outcomes of individuals with major depression in routine care who are ineligible for randomized controlled trials: a nationwide register‐based study. World Psychiatry, 25(1), 117.

Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara Niebler, Philosophin (M. A.) und freie Redakteurin. Hier untersuche ich persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst sowie psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Mein Fokus liegt auf der kritischen Analyse von Erleben und Gesellschaft – insbesondere dort, wo psychische Gesundheit, soziale Normen und ethische Verantwortung aufeinandertreffen.

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