Tutiorismus und Probabilismus. Spielregeln der spanischen Rechtstiteldebatte

Heute fragen wir uns oft, warum bestimmte historische Dispute liefen, wie sie liefen. Ein Blick auf deren inhärente Regeln kann uns einer Antwort näher bringen und zugleich helfen, den Verlauf gegenwärtiger Debatten besser zu verstehen.

Knapp zwei Jahrzehnte nach der Entdeckung der Neuen Welt wurde die Rechtstiteldiskussion durch kritische Dominikanerpatres angestoßen, die 1510, also vor gut einem halben Jahrtausend, nach Española kamen und erkannten, dass die von den Conquistadores herbeigeführten Zustände in den Kolonien jeglicher Menschlichkeit entbehrten.

Die Neue Welt wirft neue Fragen auf

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entfaltete sich daraufhin eine intensive Diskussion unter Theologen und Juristen um die Leitfragen

  • Warum dürfen wir Spanier die Territorien in Amerika besiedeln und explorieren?

  • Welches sind die Rechtsgründe für die Eroberung?

  • Welches sind legitime Mittel zur Umsetzung der Anspruchsgrundlagen?

Die Fragestellung lautete also nicht Wie können wir im Sinne eines erweiterten Völkerrechtsbegriffs auch den Indios die Verwirklichung der Menschenrechte und ihren Herrschaftsverbänden Souveränität garantieren?, sondern impliziert, dass es sich bei dem Umstand, die spanischen Conquista sei rechtmäßig, um eine nicht zur Debatte stehende Tatsache handelt, für die lediglich eine konsensfähige Rechtsgrundlage gesucht wird.

Eine darüber hinausgehende, ergebnisoffene Betrachtung des Gegenstands „Rechtmäßigkeit der Conquista“ lag weder im Interesse der Krone als „Schirmherrin“ des Legitimationsdisputs, noch in dem der meisten Diskursteilnehmer. Es geht also um die rhetorisch mehr oder weniger elegant formulierte ethisch-juridische Rechtfertigung des Faktischen.

Dennoch ergeben sich aus dem Diskurs Positionen, die erkennen lassen, dass sich die Frage der Rechtmäßigkeit viel grundsätzlicher stellt und die durchaus auf einen modernen Völkerrechtsbegriff hinweisen, der für die Staaten Souveränität und die Völker Menschenrechte bereithält. Die Position des Bartolomé de Las Casas gehört dazu.

 

Eine ernsthafte Debatte

Des Weiteren ist anzuerkennen, dass die Debatte mit großem Ernst und erheblichem Auf-wand geführt wurde. Dieses Engagement ist allen Protagonisten der Auseinandersetzung zuzusprechen, unabhängig von der jeweiligen Position. Die Legitimationsdebatte war sicherlich kein Scheingefecht.

Die Haltung der Ernsthaftigkeit lässt sich dabei gleichwohl bei Kolonisten wie Indio-Verteidigern annehmen, also sowohl bei Juan Ginés de Sepúlveda, als auch bei Las Casas vermuten, obgleich bei letzterem eher die eigene Schuld und das Mitleid mit den Indios Quellen der ernsthaften Auseinandersetzung waren, während bei ersterem das Seelenheil der spanischen Conquistadores im Vordergrund stand.

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Doch auch Las Casas verweist immer wieder mit großem Ernst darauf, dass – soteriologisch – die Spanier als „Tätervolk“ kollektiv Schaden nehmen und – eschatologisch – jeder einzelne Conquistador seine individuellen Heilsaussicht trübt, während ihre Opfer, die Indios, zumindest post mortem mit der Gnade des barmherzigen Gottes rechnen dürfen.

 

Vom Tutiorismus zum Probabilismus

In der Ernsthaftigkeit der Debatte steckt also die Angst vor dem unerbittlichen Urteil des Jüngsten Gerichts bzw. der gezielte Appell an das Gewissen jedes einzelnen Conquistadors. So verwundert der von den Kolonisten betriebene Paradigmenwechsel vom Tutiorismus zum Probabilismus nicht.

Lange war der Tutiorismus unbestritten. Tutius bedeutet „sicher“, „geschützt“. Die „wahrscheinlichste Expertenmeinung“ wurde in dem Zusammenhang idealer Weise vom Papst vertreten. Um also im Zweifel ganz sicher zu gehen, dass eine Handlung nicht gegen göttliches Gebot gerichtet ist, sollte nach Auffassung der Tutioristen mit dieser Handlung so lange gewartet werden, bis sich eine eindeutige Position des Vatikan hinsichtlich der Gottgefälligkeit der Handlung herausgebildet hat.

Aus dieser moraltheologischen Grundhaltung, dass im Zweifel der wahrscheinlichsten Expertenmeinung zu folgen ist, um sein Seelenheil nicht zu gefährden, wird eine humanistisch aufgeweichte, pluralistische Moral des Möglichen (Probabilismus), was bedeutet, dass es moralisch ausreichend ist, wenn die zweifelhafte Handlung, die jemand guten Glaubens begeht, nur wahrscheinlich nicht gegen göttliches Gebot gerichtet ist. Dabei darf es gleichwohl qualifizierte Gegenstimmen geben.

Während Las Casas dem mittelalterlichen Tutiorismus anhing und die Conquistadores für ihr vorschnelles Handeln zur Verantwortung ziehen will, untermauerte die Schule von Salamanca um Francisco de Vitoria den neuzeitlichen Probabilismus der Kolonisten. Vitoria selbst vertritt noch einen abgeschwächten Tutiorismus, erst bei seinen Schülern setzt der Paradigmenwechsel zum Probabilismus ein.

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Vitorias Zugang zur Diskursthematik ist ohnehin ein etwas abstrakterer, was nicht heißt, er sei etwa emotionslos oder gar „neutral“. Doch ist er weder in die Politik des Hofes eingebunden (wie Sepúlveda), noch wirkte er in den amerikanischen Kolonien und sah das Elend der Indios mit eigenen Augen (wie Las Casas). Als wissenschaftlich tätiger Ordensmann kann er sich auch abweichende, avantgardistische Positionen erlauben, was seinen Beitrag zur Völkerrechtsentwicklung gerade so wertvoll macht.

 

Probabilismus als fortschrittliche Haltung?

Am Probabilismus zeigt sich im übrigen, dass „Fortschritt“ ein ethisch höchst indifferenter Begriff ist.

Was im Hinblick auf die Psychohygiene und das Wohlbefinden des Einzelnen durchaus human und sinnvoll ist, nimmt doch der gewagte Probabilismus die unerträgliche Gewissensnot, stets das tun zu müssen, was der neuste Stand der theologischen Erkenntnis gebietet, vorausgesetzt, man möchte sich und seine Wünsche nicht völlig aufgeben und im Zweifel eine Handlung lieber ganz unterlassen, statt nach gangbaren Möglichkeiten zu suchen, das wird im Hinblick auf Lateinamerika nicht nur zur ethischen, sondern auch zur rechtlichen Katastrophe, denn nur durch diese Hintertür konnten die Täter entkommen – und die von Las Casas erhobenen Restitutionsforderungen abschlägig beschieden werden.

Denn wieso sollte eine moralisch mögliche Handlungsoption Wiedergutmachung erfordern?

Insbesondere wirkte der Probabilismus förderlich auf die moralische Siegergeschichte Spaniens ein, an jenem historischen Moralmythos, der in der Folgezeit den verhängnisvollen und noch heute spürbaren europäischen Überlegenheitsdünkel hervorrief.

Manchmal ist es eben doch besser, auf der sicheren Seite zu sein.


Weitere Quellen

Dr. phil. Josef Bordat

Gastautor Dr. phil., Josef Bordat ist studierter Philosoph, Soziologe & Dipl.-Ing. Er arbeitet als Journalist & Autor und setzt sich dezidiert mit religiös-philosophischen Themen auseinander. Auf seinem Blog und in seinen Texten gibt er Einblicke in eigene Depressionserfahrungen und deutet sie aus christlicher Perspektive.

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