Frau K. - Verletzungen in der Psychotherapie

Diesen Bericht schickte mir Frau K. Ende Mai 2026. Vorab schreibt sie:

“Es hat mich einiges an Überwindung gekostet, meine Erfahrung mit meinem EX-Psychotherapeuten aufzuschreiben. Vielleicht ist es zu etwas nütze ...”

Sehr häufig erheben die Betroffenen nicht ihre Stimme. Viele behalten Verletzungen und Grenzüberschreitungen für sich: aus Loyalität, aus Scham, aus Angst vor Vergeltung?

Frau K. meldet sich nach längerem Zögern jetzt zu Wort:

Von warmherzig zu kaltschnäuzig


Ein “pflegeleichter” Mensch

Ich gehöre zu den Mimosen in einer Rüstung, soll heißen meine Selbstkontrolle arbeitet nicht auf Stand by, sie läuft als Dauerprogramm.
Was mich sehr beliebt sein lässt für jeden Müll, den andere Menschen unbedingt jemandem erzählen müssen. 
Auch Aufgaben überträgt man mir super gerne denn “Nein!” ist in meinem Wörterbuch leider fast nicht vorkommend.
Was mir die alleinige Pflege meiner Eltern und die meiner Schwiegermutter einbrachte, bis ich selbst nur noch ein Häufchen Elend war. 
Denn auch meine eigene Familie würde ich jetzt nicht gerade als pflegeleicht beschreiben.
Es ist super, jemanden wie mich zu haben, den man nach getaner Arbeit kritisieren kann. Man hätte das ja alles ganz anders und viel besser gemacht.
Naja, am Ende war ich am Ende …

Selbstwert-Scherben

Selbstwert als Scherben in der Gosse und Selbstbewusstsein nur noch ein gelegentliches Aufflackern eines fast erstorbenes Feuers.
Aber bevor ich mein Klingelschild abschrauben würde, wollte ich doch noch versuchen jemanden zu finden, der mich lehrt, wieder gerade zu gehen.
So viel zur Ausgangslage …

Endlich Therapie!

Ich habe auch jemanden gefunden, privat bezahlt und es lief gut … allerdings gemäß den Vorgaben für Therapeuten sehr unorthodox ...

„Wäre es O.K., wenn wir Du sagen, dann spricht es sich doch viel besser?“

Ich hätte fast alles abgenickt, zumal ich keine Ahnung hatte, wie eine Therapie normalerweise läuft.
Ich habe Hausaufgaben bekommen und ganz folgsam gemacht.
Und wenn Stunde war, hat er sehr freundlich erklärt, warum und wieso, und dass in seiner Familie … ich weiß jetzt Dinge, die behalte ich lieber für mich ...
Mir ging es aber besser und nach etlichen Wochen hatte ich meinen Humor wieder.
Und begann mich, ab und zu so ähnlich wie „gut“ zu fühlen.

Diese eine Stunde in der Woche war meine Krafttankstelle. 

Er gab die perfekte Blaupause für einen großen Bruder ab, mein Vertrauen war grenzenlos. Meine eigenen Brüder hätte ich sofort eingetauscht, zu ihnen verweigere ich jeden Kontakt.

Die Freundin des Therapeuten als “Co.”

Bis seine Freundin bei ihm einzog. Erst habe ich mich sehr für ihn gefreut. aber dann tauchte sie im Behandlungsraum auf. Oder er lief rüber in die Küche zum Schmusen während unserer, meiner Stunde! 
Ich fühlte mich damit unwohl auch weil ich Probleme habe, jemand mir Fremdem als Zuhörer zu haben.
Wir wechselten die Sprache von Deutsch auf Englisch, das wir beide sehr gut sprechen, da kam sie herein, als ich gerade mal alleine war, und meinte sie spräche auch gut englisch.

So viel zu: Sie hört doch nichts ...

Die Frau zeigte das Feingefühl einer Dachlatte und gleich viel Verständnis, was wir da eigentlich machen. Wir haben die Sprache doch nicht aus Jux und Dollerei gewechselt?

Das “Krisengespräch”

Ich sagte, ich wolle nicht mehr kommen, er lachte mich aus, ich sei noch nicht so weit.
Ich bot eine andere Zeit an, auch einen anderen Tag, damit die beiden mehr Zeit für einander haben würden. Das lehnte er ab.

Ich fühlte mich nicht mehr wohl und sagte es auch.
Von da an war er kalt wie eine Hundeschnauze und von seinem freundschaftlichen Ton blieb nichts mehr übrig. Von:
Du bist mir wichtig, hier ist ein sicherer Ort, du kannst dich 100% auf mich verlassen! zu:
- vor den Kopf gestoßen zu werden,
- angelogen zu werden und
- angetrunken angerufen zu werden, während seine Freundin im Hintergrund mit Geschirr hantierte. 
Wie konnte er sich in so eine Situation bringen?

Das Ende mit Schrecken

In unserer letzten Stunde sprang er auf, sein Stuhl kippte um, er brüllte, lief um den Tisch und drückte mich mit seinem Unterarm in meinem Nacken mit dem Kopf auf die Tischplatte. 
Fragte mich etwas, ich antwortete. Seine Freundin war, angelockt durch den Krach, Zeuge der Szene.
Er ließ nach ein paar Sekunden, die mir ewig erschienen, los, ging zurück um den Tisch, hob den Stuhl auf, ging zu seiner Freundin, sprach mit ihr etwas, das ich nicht verstand, und kam zurück.

Ich packte währenddessen sehr beherrscht meine Sachen zusammen, stand auf, rückte meinen Stuhl zurück an den Tisch, schaute ihm direkt in die Augen, sagte: 

"Ich vertraue dir nicht mehr!"

Und ging. Vermutlich weiß wie eine Wand, aber völlig ruhig. Ich musste auf dem Weg nachhause anhalten, weil ich dachte, ich hätte einen Herzinfarkt, aber es ging vorbei.

… und wieder Scherben!

Selbstwert als Scherben zurück in der Gosse und mein gerade wieder angezündetes Selbstbewusstsein mit einem Eimer kaltem Wasser gelöscht. 

16 Monate gute Arbeit in ein paar Wochen in die Tonne getreten.

Von beerdigtem Vertrauen in Psychotherapeuten will ich gar nicht erst reden.
Das war vielleicht nicht das Schlimmste, das mir in meinem Leben passiert ist, aber es hat mich über zwei Jahre gekostet, mir einen neuen Therapeuten zu suchen.
Und dem habe ich vor Aufregung und Stress vor der ersten Stunde erst einmal in den Vorgarten erbrochen.

Angst, Schuld, Scham

Haben wir uns danach noch mal gesehen? Ja, ich habe dort noch etwas abgeholt.
Hat er sich entschuldigt? Nein. Er fragte, ob ich Angst vor ihm hatte, als der Stuhl umkippte, ich sagte “Nein”. 
Ob ich mit Angst das Haus verlassen habe, auch da sagte ich “Nein”. 
Warum sollte ich Angst haben, wenn auf der anderen Seite eines Tisches ein Stuhl umkippt? 
Warum soll ich Angst haben, wenn ich das Haus verlassen kann? Er stand ja nicht in der Tür.
Wer die richtigen Fragen stellt, bekommt die Antworten, die er hören will. 
Was er nicht fragte, war, ob ich Angst vor ihm hatte, als er mich von hinten mit seinem Arm auf die Tischplatte drückte. 

Ja, ich hatte Angst vor ihm, in dem Moment. 

Was mich mehr irritiert, ist, dass er sich nicht entschuldigen kann. Das hätte mir die letzten Jahre vieles erleichtert. 
Das ist aber so ein Dr.-Ding. Die nehmen wohl jeden Morgen noch vor dem Frühstück ihre Unfehlbarkeitspille ein. Nicht alle, aber doch viele.

Ein gestandener Mann mit einen IQ von 130, auf den er so stolz ist, hat nach 16 Monaten guter Arbeit seinen Verstand komplett auf 0 gedreht.
Es langt nicht, dass man ihn hat, man muss ihn auch benutzen! Aber, nein, ich habe ihn nicht gemeldet; denn auch Psychotherapeuten sind nur Menschen. 
Wenn man sich in seinem Alter noch mal verliebt, drehen die Hormone auf. Nicht weniger als bei einem pickeligen 15 Jährigen.
Und was macht man dann? Man wartet, bis sie 19 sind und wieder bei Verstand. 

Nach über 40 Jahren Ehe weiß ich, dass die meisten Dinge des Lebens sich mit der Zeit ändern. Wenn er Glück hat, bleibt nach seinem Höhenflug mehr als ein Kater übrig.

Wenn nicht, dann wird er sich in Grund und Boden schämen müssen.

Besserung - trotz Therapie!

Mich hat es gelehrt, dass ich am Ende viel stärker bin, als ich je dachte. 
Und mein eigentliches Problem beackere ich mit jemand Neuem, der mich siezt!

Nachlese

Ich nahm, was ich abholen wollte, er breitete seine Arme aus, um mich zum Abschied zu drücken. Ich habe sie ignoriert. 
Irgend jemand hat ihm zu der gleichen Zeit eine Scheibe seines Autos eingeschlagen. Ich war es nicht! 
Fand es aber interessant, zu wissen, dass wohl noch jemand nicht so ganz zufrieden mit dem Verhalten des Psychotherapeuten war ...
Rache als eine Reaktion auf eine Kränkung? Sie macht sie aber nicht ungeschehen.

Er bekommt von mir leere Postkarten geschickt. 
Auch wenn außer der Adresse nichts darauf geschrieben steht, sagen sie doch etwas … 
Ich habe es nicht vergessen. Und du wirst es auch nicht vergessen. 

Jemand nannte es „Rache mit Klasse!“ 

P.U.K.

Schlussbemerkungen von MM:

  • Ja, solche Dinge geschehen auch bei Richtlinien-Psychotherapeut*innen!

  • Nein, wir dürfen uns nicht herausreden mit der Bemerkung, dass die Schilderungen der Patientin doch subjektiv seien! (Was denn sonst!?)

  • Ja, solche Erfahrungsberichte sollten uns unter die Haut gehen!

Dr. phil. Michael Mehrgardt

Hallo, meine Name ist Dr. phil. Michael Mehrgardt und ich war fast 40 Jahre lang als Psychologischer Psychotherapeut tätig. Dabei musste ich viele Missstände kennenlernen, die ich auf diesem Psychotherapie-Blog offen anspreche, das Thema: Grenzverletzung in der Psychotherapie. Auf meinem YouTube-Vlog  findest du Selbsthilfe-Tipps bei Depressionen, Ängsten, Paarkonflikten & Co.

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