Wer war Edith Stein? – Über Leben & Wirken der Philosophin
Edith Stein war eine Philosophin, die vor allem durch ihre Arbeiten zur Phänomenologie bekannt wurde. Doch ihr Leben war viel mehr als nur akademische Karriere: Sie war Jüdin, Philosophin, katholische Ordensfrau … und Märtyrerin.
Steins frühe Jahre & Herkunft
Edith Stein wurde am 12. Oktober 1891 in Breslau geboren. Als Jüdin. Die Familie Stein lebte vom Holzhandel, den die Mutter nach dem Tod des Vaters weiterführte.
Wichtig für Ediths Entwicklung ist die jüdisch-orthodoxe Frömmigkeit, die in der Familie gepflegt wurde und zu der die Tochter bereits als Teenager eine kritische Distanz entwickelte. Als sie ihre akademische Karriere an der Universität Breslau beginnt, ist Edith Stein eine überzeugte Atheistin.
Vom Judentum zum Atheismus – das war quasi die erste Etappe ihrer weltanschaulichen Entwicklung.
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Steins akademische Laufbahn
Hindernisse als Frau im Wissenschaftsbetrieb
Dann beginnt ihre erstaunliche akademische Laufbahn. Zunächst führt Edith Steins Weg von Breslau weiter nach Göttingen und Freiburg, schließlich wieder zurück nach Breslau. Dort macht sie ihr Staatsexamen und 1916 ihre hervorragende Promotion. Danach war sie bis 1918 wissenschaftliche Assistentin ihres Doktorvaters Edmund Husserl in Freiburg.
Sie versuchte, sich zu habilitieren, erst in Göttingen, dann in Breslau, dann in Freiburg. Sie scheitert aber immer wieder, nicht wegen mangelnder Qualifikation, sondern, weil sie eine Frau ist.
Vom Atheismus zum Christentum
Wie gelangt Edith Stein nun vom Atheismus zum Christentum?
Zunächst erfährt sie: Der Glaube an Gott gibt Hoffnung. Diese Erfahrung verdankt sie dem Zeugnis Anna Reinachs, deren Mann, ein Kollege Edith Steins bei Husserl in Freiburg, im Ersten Weltkrieg fällt.
Anna Reinach strahlt dennoch Hoffnung aus, Auferstehungshoffnung. Das macht Edith Stein neugierig. Im Sommer 1921 schenkt ihr Anna Reinach die Autobiographie der Heiligen Theresa von Ávila (#Affiliate-Link/Anzeige).
Die Lektüre des Buches macht, wie Edith Stein später schreibt, „dem langen Suchen nach dem wahren Glauben ein Ende“. Edith Stein lässt sich taufen, am 1. Januar 1922.
Hinwendung zum Klosterleben
Jetzt ist Edith Stein Christin. Doch wie kommt sie ins Kloster?
Nach ihrer Konversion zum Katholizismus hat sie intensiven Kontakt zur Erzabtei Beuron. Beruflich ist sie in diesen Jahren als Lehrerin am Mädchenlyzeum und an der Lehrerinnenausbildungsanstalt der Dominikanerinnen von St. Magdalena in Speyer und als Dozentin am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster tätig.
Diese Stelle muss sie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland jedoch aufgeben.
Was bleibt, ist der Kontakt zur klösterlichen Lebensform. Schließlich tritt Edith Stein am 14. Oktober 1933 in den Kölner Karmel ein und nennt sich fortan Teresia Benedicta a Cruce – Teresia, vom Kreuz gesegnet.
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Flucht & Verfolgung im Nationalsozialismus
Edith Stein im Widerstand
Dass ihr Leben in Nazi-Deutschland trotzdem nicht mehr sicher war, wird Edith Stein spätestens nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 klar gewesen sein. 1938 verließ sie den Kölner Karmel und wird im Karmel Echt in der niederländischen Provinz Limburg heimisch. Dort ist sie erst einmal in Sicherheit.
Doch im Mai 1940 überfällt die Wehrmacht die Niederlande und die holländischen Juden werden der gleichen Verfolgung ausgesetzt wie die Juden in Deutschland.
Verhaftung & Martyrium der Edith Stein
Edith Stein wird als zum Katholizismus konvertierte Jüdin zunächst in Ruhe gelassen. Als jedoch die holländischen Bischöfe – angeführt vom Utrechter Erzbischof de Jong – Ende Juli 1942 offen gegen die Deportation der Juden protestieren, werden kurz darauf – gewissermaßen als Strafaktion – auch die „katholischen Nichtarier“ deportiert.
244 zum Katholizismus konvertierte Juden werden am 2. August 1942 verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork verbracht – darunter Edith Stein und ihre Schwester Rosa, die nach dem Tod der Mutter im Jahr 1936 ebenfalls in den Karmel eingetreten war.
Edith Steins Wort zu ihrer Schwester Rosa in der Stunde ihrer Verhaftung – „Komm, wir gehen für unser Volk!“ – ist kein Ausdruck eines pathetischen Heroismus, sondern die logische Konsequenz des Denkens und Glaubens einer Frau, die sich auch im Akt der „Stellvertretung“ ganz in die Nachfolge Christi begibt: So wie Christus den Weg nach Golgatha geht „für sein Volk“, so geht Edith Stein nach Auschwitz „für ihr Volk“, um durch stellvertretendes Leiden Anteil am Erlösungswerk zu erhalten.
Die spirituelle Bedeutung des Leidens
Das Leid hat für Edith Stein keinen Zweck, der ein Anstreben des Leidens rechtfertigte, gleichwohl jedoch einen Sinn, der das Annehmen des Leidens ermöglicht. Diese Erkenntnis, die ihren zweiten Lebensabschnitt und insbesondere ihre letzten Tage überstrahlt, ist für die Vernunft der Philosophin unzugänglich. Sie wird ihr erst in der Spiritualität der Ordensfrau offenbar, erst in dem, was sie „Kreuzeswissenschaft“ nennt.
So auch der Titel eines ihrer Hauptwerke. Edith Stein setzt sich darin mit den mystischen Schriften des Johannes vom Kreuz auseinander. Das Werk entsteht in ihrer letzten Lebensphase und sollte zum 400. Geburtstag von Juan de la Cruz Ende 1942 erscheinen.
Dazu kommt es nicht. Edith Steins Kreuzeswissenschaft (#Affiliate-Link/Anzeige) wird erst 1950 erscheinen, posthum.
Gebet und Trost im Lager
Wie tief ihre Gottesbeziehung gewesen ist, zeigt eine Notiz, die in einem kurzen Brief vom 6. August 1942 verzeichnet ist, den sie aus dem Durchgangslager nach Echt sandte, um für ihre Schwester und sich einige Gebrauchsgegenstände zu erbitten. Sie lautet: „Konnte bisher herrlich beten“.
Wer in der grauenhaften, gottfernen Umgebung eines Lagers solche Sätze zu Papier bringt, ist erfüllt vom Heiligen Geist und greift auf Erfahrungen zurück, die unmittelbar die eigene Finsternis zu erhellen vermögen.
Zeugnis der Nächstenliebe
Und ein solcher Mensch ist dann auch noch in der Lage, das Licht des Herrn weiterzugeben. Dem Hirtenwort der deutschen Bischöfe zur Heiligsprechung Edith Steins zufolge, berichtete ein Augenzeuge über Edith Stein wie folgt:
„Unter den Gefangenen fiel Schwester Benedicta auf durch ihre große Ruhe und Gelassenheit. Der Jammer und die Aufregung waren unbeschreiblich. Schwester Benedicta ging unter den Frauen umher, tröstend, helfend, beruhigend wie ein Engel“
Letzte Stunden und Tod
Am späten Nachmittag des 7. August 1942 wird Edith Stein in Schifferstadt bei Speyer zum letzten mal gesehen. Sie ließ Grüße an die Schwestern in St. Magdalena in Speyer bestellen. Bei dieser Gelegenheit fiel ein bedeutungsvoller Satz, der ebenfalls im Hirtenwort zur Heiligsprechung zitiert wird: „Es geht nach dem Osten“. Es ist dies nicht nur eine geographische Angabe. Der Osten als Ort der Sonne eines neuen Morgens gibt auch eine Ahnung von der tiefen, unerschütterlichen Heilshoffnung, die in Gott selbst verankert ist.
Am 9. August wird Edith Stein in der Gaskammer des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ermordet. Drei Jahre zuvor hatte sie in ihrem Testament geschrieben:
„Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkommener Unterwerfung unter Seinen heiligsten Willen mit Freuden entgegen. Ich bitte den Herrn, daß Er mein Leben und Sterben annehmen möchte zu seiner Ehre und Verherrlichung, für alle Anliegen der heiligsten Herzen Jesu und Mariä und der Heiligen Kirche.“
In ihrem Tod ist sie Teresia Benedicta a Cruce, Teresia – vom Kreuz gesegnet.
Selig- und Heiligsprechung
1987 wird Edith Stein selig- und 1998 dann heiliggesprochen. Heilige sind Vorbilder im Glauben.
Warum ist Edith Stein solch ein Vorbild?
Über allem steht bei Edith Stein, dass Theorie und Praxis, Denken und Beten, Wissen und Glauben gleichermaßen Aspekte der Weltorientierung sind und zusammen den Weg zu Gott ausmachen. Das macht sie zu einem sehr aktuellen Glaubensvorbild.
3 Gründe, warum Edith Stein heute Vorbild ist
Und dann gibt es noch drei Aspekte in ihrem Leben und ihrem Werk, durch die Edith Stein sich ganz besonders eignet, uns heute zum Vorbild im Glauben zu werden.
Zunächst durch ihre Bekehrungsgeschichte. Sie ist Jüdin, wird Atheistin, ihr Unglaube ist unerschüttert, dann die Bekehrung. Also: Jede und jeder hat bei Gott immer wieder eine neue Chance.
Sodann durch ihr Lebenszeugnis. Konsequenz im Glauben. Sie hat Gott erkannt, sie folgt ihm, bis ins Kloster, bis in den Tod.
Schließlich durch ihre Philosophie und Theologie. Insbesondere ist hier ihre phänomenologische Anthropologie und ihre Kreuzeswissenschaft zu nennen.
All das macht Edith Stein, macht Teresia Benedicta a Cruce zum Glaubensvorbild für uns und für alle, die Gott suchen.
Die phänomenologische Anthropologie Edith Steins
Einheit von Leib & Seele
Schließlich noch einige Bemerkungen zur phänomenologischen Anthropologie, die Edith Stein schon als atheistische Philosophin und Schülerin Husserls vertrat und die vielleicht das stärkste Bindeglied zwischen ihrem Denken vor und nach der Konversion zum katholischen Christentum darstellt.
Denn auch nach katholischer Lehre ist die menschliche Person mit Leib und Seele ausgestattet, ohne dualistische Trennung, ohne monistische Verengung, ohne das eine gegen das andere auszuspielen. Der Mensch ist auch aus Kirchensicht ein Gesamtkunstwerk, dem man sich am besten phänomenologisch nähert.
So wie Edith Stein. Sie lehnt dualistische Theorien zur Bewältigung des Leib-Seele-Problems ab und möchte streng phänomenologisch vorgehen, um nicht die Verbundenheit, sondern die Einheit von Leib und Seele zu erweisen, denn „die Seele durchdringt den Leib so sehr, daß die organisierte Materie des Leibes zum ,durchgeistigten Leib’ wird. Gleichzeitig aber wird der Geist [als individuierte Seele, J.B.] ,materialisierter und organisierter Geist’“, schreibt sie in Der Aufbau der menschlichen Person (#Affiliate-Link/Anzeige).
Lebenskraft als gemeinsames Element
Das Gemeinsame von Leib und Seele ist für Edith Stein die „Lebenskraft“, die durch Erlebnisse gestärkt oder gemindert wird. Zentral ist in ihrer Vorstellung das religiöse Erlebnis, zu dem es neben den seelischen auch leibliche Zugänge gibt.
Hinsichtlich der Seele erinnert ihre Darstellung an die mystische Rede von der „Einheit mit Gott“ oder „Gottesgeburt“ in der Seele bzw. dem „Seelengrund“ bei Meister Eckhart. Edith Stein spricht ganz ähnlich von der „Tiefe der Seele“ oder dem „Innersten der Seele“. Bezüglich des Leibes sieht sie in der Askese eine Ausdrucksform körperlich wirkender Gotteserfahrung.
Vgl. auch Phänomenologie einfach erklärt
Doch die Realisierung der „leiblich-sakramentalen Dimension“ des Glaubens sei nur dann sinnvoll, wenn sich über sie ein neuer Zugang zum Geistigen entfalte, aus dem der Seele „Kraft-Erneuerung und Gnadenwirkung entgegenkommen kann“, so Edith Stein in ihrem Aufsatz Die ontische Struktur der Person und ihre erkenntnistheoretische Problematik (#Affiliate-Link/Anzeige).
Askese werde oft als bloßer Befreiungsakt der Seele vom Leib (gedacht als „Gefängnis“ der Seele, etwa bei Platon) missverstanden und nur im negativen Modus der „Abtötung des Körpers“ geübt. Damit werde übersehe, dass in den Sakramenten (etwa der Eucharistie) eine Heilung der Seele nur über den Leib erfolgen könne, freilich nicht ohne Zutun der Seele.
Edith Stein spricht von einer freiwilligen Öffnung der Seele, gleichwohl aber unter Einbindung des Leibes. Die Konstitution des Menschen mache diesen Erlösungsweg – gewissermaßen von außen nach innen – notwendig.
Edith Stein: Zum Problem der Einfühlung: (#Affiliate-Link/Anzeige) Das Wesen der Einfühlungsakte, Die Konstitution des psychophysischen Individuums & Einfühlung als Verstehen geistiger Personen
Fazit: Edith Steins Philosophie & Menschenbild
Edith Steins phänomenologische Anthropologie betont die Einheit von Leib und Seele in der menschlichen Person, gegen einen bewusstseinsphilosophisch gewonnenen Dualismus – und erst recht gegen jede Form von Monismus. Sie ist gegen eine leibvergessene oder gar -feindliche Vergeistigung des Menschen gerichtet – und erst recht gegen einen geistlosen Materialismus.
Edith Steins philosophisch gezeichnetes Menschenbild ist damit ganz katholisch. Und hochaktuell.
Lese-Tipps zu Edith Stein:
Edith Stein – Geschichte einer Ankunft: (#Affiliate-Link/Anzeige) Leben und Denken der Philosophin, Märtyrerin und Heiligen
Edith Stein et al: Die Frau: Fragestellungen und Reflexionen (#Affiliate-Link/Anzeige)
Edith Stein: Einführung in die Philosophie: (#Affiliate-Link/Anzeige)Manuskripe aus dem Nachlass
Edith Stein: Endliches und ewiges Sein: (#Affiliate-Link/Anzeige) Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins. Anhang: Martin Heideggers Existenzphilosophie. Die Seelenburg