Die Phänomenologie – Philosophie der Erfahrung
Die Phänomenologie hat das Denken des 20. Jahrhunderts ordentlich aufgemischt und sorgt bis heute für frischen Wind – weniger in der Philosophie, dafür umso mehr in der Pädagogik, Therapie und sogar in der Soziologie. Doch was steckt eigentlich hinter dem Begriff phänomenologisch?
Was ist Phänomenologie?
Phänomenologie (Definition) klingt dem Namen nach kompliziert, ist aber im Kern einfach zu verstehen: Sie beschäftigt sich mit den Phänomenen, also mit dem, was uns im Bewusstsein erscheint. Anders als viele andere philosophische Richtungen will sie nicht sofort erklären, warum etwas so ist, wie es ist.
Stattdessen geht es darum, die Dinge genau zu beschreiben – und zwar so, wie sie uns tatsächlich erscheinen.
Dabei hält sie sich bewusst zurück, was metaphysische Annahmen betrifft; schließlich soll nicht wild spekuliert, sondern präzise analysiert werden, was wir wahrnehmen.
Philosophie oder Psychologie
Wo liegt der Unterschied?
Phänomenologische Perspektiven sind heute fast überall zu finden. Sie sind die Basis für Denkrichtungen wie Existenzialismus und Strukturalismus, sie mischen in der Soziologie mit und sogar in der modernen Psychologie. Aber gerade diese Vielseitigkeit sorgt auch für Verwirrung. Was genau ist jetzt „phänomenologisch“? Ist das einfach nur ein schickes Wort für introspektive Verfahren? Es kommt (wie so oft im Leben ;-) auf den Kontext an.
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In der Philosophie meint Phänomenologie v.a. die Beschreibung der allgemeinen Strukturen des Erlebens – also das, was aller menschlicher Erfahrung zugrunde liegt. Die philosophische Tradition der Phänomenologie will den Kontakt zum „Boden der Erscheinungen“ nicht verlieren. Sie ist also nicht bloß ein theoretisches Lehrstück, sondern praktische, philosophische Anschauung. » Lebenswelt bei Husserl
Während die psychologische Phänomenologie oft als Hilfsdisziplin genutzt wird, um persönliche Erfahrungen detailliert zu beschreiben, konzentriert sich die philosophische Phänomenologie auf die allgemeinen Strukturen der Erfahrung. Sie fragt nicht nur: „Wie fühlt sich das für dich an?“, sondern: „Welche Merkmale und Gesetzmäßigkeiten machen diese Erfahrung für alle Menschen nachvollziehbar?“
Balanceakt zwischen Subjektivität & Objektivität
Ein weitverbreiteter Irrtum ist, dass die Phänomenologie ausschließlich rein subjektiv sei. Klar, sie beginnt oft mit der Sichtweise einer einzelnen Person. Aber ihr Ziel ist es, Merkmale zu finden, die für alle gelten.
Ein Beispiel:
Wenn du ein 3-dimensionales Objekt betrachtest, siehst du immer nur eine Seite. Die Rückseite bleibt verborgen, bis du dich bewegst oder das Objekt drehst. Das ist keine Eigenheit deiner individuellen Wahrnehmung, sondern ein allgemeines Merkmal aller visuellen Erfahrungen von Menschen. Edmund Husserl, der Begründer der Phänomenologie, hat diese Perspektivität besonders betont.
Phänomenologische Beschreibungen starten also subjektiv, wollen aber objektiv gültige Strukturen herausarbeiten. Es geht nicht um individuelle Unterschiede, sondern um die Bedingungen, die Erfahrung überhaupt erst möglich machen.
Phänomenologie ist nie abgeschlossen
Wer sich mit Phänomenologie beschäftigt, wird sich schwer tun, feste Definitionen zu finden. Die Begriffe und Methoden sind in ständiger Bewegung.
Das kann verwirrend sein – aber gerade darin liegt auch der besondere Reiz. Die Phänomenologie bleibt offen für neue Ergebnisse und ist immer bereit, ihre eigenen Annahmen zu überdenken. Jede Annäherung an ein Thema oder Objekt bedeutet auch, dass der Sinn der Phänomenologie selbst neu verhandelt wird. Sie ist eine lebendige Philosophie, die sich an der Erfahrung orientiert und dabei immer wieder neue Wege einschlägt (oder einschlagen muss).
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Die phänomenologische Methode:
Urteilsenthaltung (Epoché)
Ein zentrales Werkzeug der Phänomenologie ist die sogenannte „Urteilsenthaltung“ (Epoché). Normalerweise begegnen wir Dingen mit bestimmten Vorurteilen – wir wissen, was ein Stuhl ist, wie er benutzt wird, und so weiter. Die Phänomenologie fordert uns auf, diese gewohnten Bewertungen beiseite zu lassen und die Dinge so zu sehen, wie sie erscheinen.
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Beschreiben und Verstehen hängen dabei eng zusammen: Je besser wir etwas beschreiben können, desto mehr verstehen wir es – und umgekehrt. Der Wechsel von der natürlichen zur phänomenologischen Einstellung bedeutet, dass wir das Objekt von seinen vorbewussten Zusammenhängen befreien und den Fokus auf die Erfahrung selbst legen.
Abgrenzungen zu anderen philosophischen Ansätzen
Sie beginnt nicht mit Texten (wie die Hermeneutik), sondern mit unmittelbarer Erfahrung.
Sie lehnt die Idee ab, dass wir die Realität nur durch Zeichen wahrnehmen (vgl. Semiotik).
Und sie versucht nicht, ein bestimmtes „Wesen“ des Menschlichen zu definieren (wie die Anthropologie).
Stattdessen beschreibt sie erfahrbare Strukturen, die für alle bewussten Wesen gelten – das schließt sogar die Diskussion über das Bewusstsein von Tieren ein. Auch bei normativen Theorien bleibt sie zurückhaltend: Handlungen werden erst einmal als Phänomene in ihrem jeweiligen Sinnkontext betrachtet, bevor sie interpretiert werden.
Werte sind in der Phänomenologie nicht einfach festgelegt, sondern eingebettet in unbewusste Handlungsnormen und Denkmuster. Die Phänomenologie will das gesamte Spektrum an Erlebnissen erfassen – von Instinkten und körperlichen Empfindungen über emotionale Reaktionen bis hin zu sozialen und kulturellen Einflüssen sowie abstraktem Denken.
Intentionalität
Das Herzstück der Phänomenologie
Wenn du einen Begriff aus der klassischen Phänomenologie mitnehmen willst, dann diesen. Intentionalität klingt nach Absicht oder Motivation, meint aber, dass Bewusstsein immer ein „Bewusstsein von etwas“ ist. Unsere Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle sind nie isoliert, sondern beziehen sich immer auf etwas außerhalb von uns.
Husserl hat diese Idee auf verschiedene Bewusstseinsformen ausgeweitet. Er unterscheidet zum Beispiel zwischen Wahrnehmen und dem Wahrgenommenen, Fühlen und dem Gefühlten, Wollen und dem Gewollten. Spätere Philosophinnen und Denker haben diese Ideen weiterentwickelt, z.B.:
Edith Stein untersucht das Einfühlen als besondere Art der intentionalen Bezugnahme.
Max Scheler differenziert die Formen von Sympathie und deren Werteigenschaften.
Maurice Merleau-Ponty betrachtet den Körper als Medium, durch das wir mit der Welt verbunden sind.
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Fazit: Die Welt neu sehen lernen
Trotz aller Unterschiede bleibt die Phänomenologie ein Forschungsansatz mit beständigem Prinzip.
Die methodische Reflexion ist zentral: Nichts wird einfach als selbstverständlich akzeptiert, alles wird kritisch hinterfragt – auch die eigenen Erkenntnisse.
Der Zugang zur Welt bleibt dabei immer perspektivisch und vorläufig. Die Phänomenologie entwickelt kein festes System von Wahrheiten, sondern versteht sich als „Arbeitsphilosophie“.
Maurice Merleau-Ponty bringt es auf den Punkt:
„Philosophie heißt in Wahrheit,
von neuem lernen, die Welt zu sehen“





