Depressionen, Imbots und Sich-Wegmachen
Weißt du, was Imbots sind?
Imbots ist ein Kunstwort und bedeutet: Implizite Botschaften. Sie spielen in der Entstehung besonders hartnäckiger Depressionen eine bedeutende Rolle.
Was das ist und auf welche Weise Menschen daran depressiv erkranken können, erfährst du in diesem Beitrag.
Wer ist betroffen?
Vorwiegend Frauen scheinen betroffen zu sein. Sie kommen in einem Alter zwischen 20 und 45 Jahren in meine Praxis. Gemeinsam sind ihnen folgende Merkmale:
Alle leiden an einer hartnäckigen und andauernden depressiven Störung, die in unterschiedlichen Schweregraden auftreten kann.
In der Anamnese findet sich nichts „Greifbares“: keine traumatischen Erlebnisse, keine „broken home“-Kindheit, keine Armut, keine besonderen Belastungen.
Bevor ich erkläre, was Imbots sind, schildere ich weitere typische …
Symptome
Kraftlosigkeit: Die Patientinnen fühlen sich nach bestimmten sozialen Kontakten auf einmal niedergeschlagen und kraftlos, obwohl eigentlich alles ok oder sogar schön gewesen sein soll.
Familie: Ganz besonders schlecht geht es ihnen bei und nach Treffen mit ihrer Kindheits-Familie.
Schuldgefühle: Sie fühlen sich oft schuldig, weil sie doch „überhaupt keinen Grund haben“, sich so zu fühlen. Andere haben in ihren Augen „wirklich schlimme Sachen erlebt und einen richtigen Grund, krank zu sein“. Viele von ihnen fühlen sich undankbar, weil sie doch “eigentlich ein gutes Zuhause hatten”. Sie haben ein schlechtes Gewissen, weil sie oft aggressive Gefühle und böse Gedanken gegenüber ihren Eltern haben.
“Watte im Kopf”: Sie berichten auffallend häufig von einem Zustand, den ich als Dementoren-Syndrom bezeichne, ähnlich den Dementoren in den Harry-Potter-Büchern, die den Betroffenen alles Leben heraussaugen, so dass nichts als die Hülle übrigbleibt. Die Patientinnen werden plötzlich müde, haben Nebel, Milchglas oder Dunst vor Augen. Alles ist unscharf, verschwommen, dämmerig, weit weg und unwirklich. Manche berichten von Schwindel, „Watte im Kopf“ oder innerer Leere. Sie können sich dann plötzlich nicht mehr konzentrieren, können nicht mehr klar denken. Ihre Kräfte und ihre Klarheit versickern im Boden oder „fließen aus ihnen heraus“.
Vergessen: Auffallend ist auch, dass sich die Patientinnen oft nicht mehr erinnern, was genau bei diesen Begegnungen vorgefallen ist. Auch die Erinnerungen an die Kindheit sind blass oder bruchstückhaft.
Die „Halbwertszeit“ bei Familienkontakten beträgt oft nur wenige Sekunden oder Minuten. (Halbwertszeit ist die Zeitspanne, innerhalb derer die Hälfte aller familiendynamischen Muster, Rollen, Verhaltensweisen, Gedanken, Befindlichkeiten aktiviert wird.)
“Nichts Schlimmes erlebt!” Auch im Therapieverlauf findet sich nichts „Gravierendes“, was die Symptomatik erklären könnte. Oft scheint es in der Behandlung nicht so richtig weiterzugehen.
Imbots
… nenne ich die Gebilde eines Kommunikationsstils, der von außen betrachtet relativ harmlos wirkt, der jedoch massive Schäden bei den Kindern und Jugendlichen anrichten kann, die einem solchen Kommunikationsumfeld ausgeliefert sind.
Das Kunstwort Imbot ist abgeleitet von dem Ausdruck Implizite Botschaften.
Exkurs: Bateson, Watzlawick & Co.
Kommunikation und ihre Folgen
Alle, die es genau wissen wollen, sollten sich die Klassiker der Kommunikationsforschung anschauen, z. B.:
Watzlawick, Beavin & Jackson (1969): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Hans Huber: Bern. (Neue Auflagen verfügbar.)
Bateson, Jackson, Laing und andere (1969): Schizophrenie und Familie. Suhrkamp: Frankfurt am Main. (Neue Auflagen verfügbar.)
Bild: Canva/ MM
Kommunikation ist mehr als nur das Wort
Wie die meisten wissen, enthält eine vollständige Botschaft nicht nur die des gesprochenen Wortes, sondern weitere Aspekte, nämlich zB
Appell
Beziehungsaussage
emotionale Botschaft.
Einige Beispiele
Wenn der Vater bspw beim Frühstück sagt
Die Sonne scheint.
ist dies zwar grammatisch ein vollständiger Satz, aber um eine vollständige Botschaft zu sein, fehlen noch wichtige Informationen.
Diese werden uA durch Gestik, Mimik, Sprachmelodie und auch durch den Kontext ausgedrückt. ZB könnte die eigentliche Botschaft dann lauten:
Jens, du kannst jetzt den Rasen mähen!
Lasst uns an den Strand fahren!
Ich freue mich!
Ich bin genervt, weil ihr Kinder sicher wieder an den Handys daddeln wollt, statt rauszugehen!
Ich liebe euch!
Wenn Kommunikation funktioniert, machen die sogenannten nonverbalen Anteile der Aussage klar, was der Vater meint, fühlt und will. Und wenn es nicht dem Empfänger der Botschaft nicht klar ist, kann er gefahrlos nachfragen. Auch Kritik und Widerspruch sind erlaubt, ohne dass es in Eskalation, Krise oder tagelangem Schweigen endet.
Dann einigt man sich vielleicht auf etwas völlig anderes, zB einen gemeinsamen Serienguck-Vormittag bei geschlossenen Jalousien …
Imbots als Sperrgebiet
In manchen Familien können oder dürfen Imbots nicht erfragt und diskutiert werden. Dann können sie einen richtig krank machen!
Manchmal liegt es einfach daran, dass es keine emotionale Kommunikations-Kultur gibt. Oder eine solche wird – wegen strikter Leistungsorientierung – von vornherein abgewehrt. Es kann auch damit zu tun haben, dass unausgesprochene brisante Themen im Raum stehen, deren Sichtbarmachung eine reale oder vermeintliche Katastrophe nach sich ziehen würde.
Ein virales Imbot stellt Verbotsschilder auf, wertet den anderen ab, verteilt Schuld, enthält doppeldeutige oder gar widersprüchliche Anteile. Ein Imbot gibt unausgesprochen zB folgende Messages:
Tabu
Diese Message darf von niemandem ausgesprochen werden!Leugnung
Wenn du glaubst, sie zu verstehen, liegst du falsch!Mythos
Man muss immer etwas Sinnvolles tun!
Der Andere ist wichtiger als du selbst!
Wir Schmidts sind etwas Besonderes, sind besser als andere! Dh auch: Wir müssen immer besser sein!
Unsere Familie war immer schon konservativ.
Wir sind nicht so für das Handwerkliche!Abwertungund Beschuldigung
(und Erniedrigung, Bloßstellung, Demütigung …), zB:
Du bist nichts wert!
Du kannst nichts!
Du bist schuld!
Wieder mal hast du versagt!
Du bist undankbar!
Guckt alle her, mein Sohn ist ein Loser!Ambivalenz
Ich liebe und ich hasse dich!
Ich neide dir dein gutes Aussehen!
Ich missgönne dir den Erfolg!
Du solltest gar nicht leben!
Du bist ein Unfall! Wenn es dich doch bloß nicht gäbe!Paradoxie
Manche Botschaften sind in sich widersprüchlich, zB:
(verbal:) Komm zu mir! (zugleich Gestik, mittels abwehrender Hand:) Geh weg!
Wenn du mich wirklich liebst, lässt du mich in Ruhe!Konfluenz bzw Konfluenzforderungen
Der gestalttherapeutische Begriff Konfluenz beschreibt das Verschwimmen von Grenzen, zB zwischen zwei Personen. Dann besteht die (unausgesprochene) Forderung, dass zB die Tochter genauso zu sein hat wie der Vater: erfolgreich, begabt, überall und immer die Beste. Oft wird dies durch ein vereinnahmendes Wir zum Ausdruck gebracht:
Wir Sinuweits …!
Oder die Konfluenzforderung besteht in einer Rollenfestschreibung. Die Mutter sagt bspw ständig Sätze wie:
Du bist so wichtig für mich!
Gut, dass ich dich habe!
Du bist ja schon so erwachsen!
Solche Sätze könnten zB die Forderung enthalten, sich nicht gegen die Pflicht, den kranken Vater zu pflegen, zur Wehr zu setzen.Außenreaktionen
Andere Menschen bewirken zusätzliche Verunsicherung und Selbstzweifel, wenn sie sagen:
Ich verstehe dich nicht, deine Eltern sind doch unheimlich nett!!
Oder der beste Freund meint: Deine Eltern hätte ich auch gerne!
Die Reaktion auf Imbots ist Sich-Wegmachen!
Einfach nicht mehr da sein …!
Auf solche Imbots kann das Kind weder richtig reagieren noch kann es nicht reagieren! Es sitzt in der (Beziehungs-) Falle. Die einzige Möglichkeit, sich diesem toxischen Beziehungsmuster zu entziehen, ist das „Aus-dem-Felde-Gehen“. Weil das Kind jedoch existenziell von den Eltern abhängig ist (und weil es sie ja auch liebt!), versucht es, auf die einzige Art, die ihm möglich ist, aus dem Felde zu gehen: Es macht sich weg!
Bild: Canva/ MM
Genau das ist die Funktion der genannten Symptome: mental einfach nicht mehr anwesend sein! In schlimmen Fällen „flieht“ der junge Mensch in die Psychiatrie, und zwar mittels schweren Depressionen, psychotischen Symptomen, Selbstverletzungen oder Suizidversuchen.
Was dagegen helfen kann
Das Typische und Gemeine ist: Was ursprünglich dem Selbstschutz der kindlichen oder jugendlichen Seele diente, macht es in der Therapie schwer, diesen Mechanismen auf die Spur zu kommen! Denn dieses Sich-Wegmachen bedeutet ja auch, dass die Betroffenen überhaupt nicht bewusst wahrnehmen, was in diesen kritischen Kontakten abläuft.
Sie nehmen also Imbots nicht bewusst wahr – aber sie nehmen sie wahr! Sie nehmen sie sogar auf eine äußerst sensible Weise wahr! Der Beweis dafür sind die Symptome, diese Eintrübung der kognitiven Funktionen. Und genau das ist der beste Ansatzpunkt für die Therapie:
Verwandle die Symptome in Signale!
Wann immer die Patientin diese Symptome des Sich-Wegmachens aufweist, hat sie mit großer Wahrscheinlichkeit zuvor einen Kontakt zu jemandem gehabt, der Imbots produzierte.
In aller Regel passiert dies bei nahestehenden oder bedeutsamen Personen, also Leuten, zu denen ein emotionales oder ein Abhängigkeits-Verhältnis besteht. Dieser Zusammenhang scheint mir eine Gesetzmäßigkeit zu sein, auch wenn die Patientin typischerweise der Meinung ist, da sei gar nichts gewesen …
Folgende therapeutische Schritte sind jetzt nötig
Den “Täter” dingfest machen!
In der Sitzung wird jedes Auftreten der Symptomatik darauf untersucht, welche Interaktion kurz zuvor stattgefunden hat. Die Therapeutin darf darauf vertrauen, dass solche Imbots auftauchen, auch wenn sie sich zunächst nur nonverbal, zwischen den Zeilen oder in „kleinen“ Signal-Wörtern zeigen, zB:
- Ich war doch früher ihre beste Freundin!
- Ich verstehe nicht, wie er das vergessen konnte!Das Symptom zum Signal machen!
Die Patientin lernt, das Sich-Wegmachen nicht mehr als Symptom, sondern als hilfreiches Signal zu betrachten. Wichtig ist, die diesbezügliche erhöhte Sensibilität nicht als pathologisch, sondern als adäquate, dem Überleben dienende Coping-Strategie zu werten. Sie lernt ferner, dass das Sich-Wegmachen oft einer depressiven Verschlechterung vorausgeht.Kleine Schritte machen!
Sie lernt in sehr kleinen (!) Schritten folgende Strategien:
Selbst-Affirmation: Meine Reaktionen sind gesund, angemessen und hilfreich!
Selbstschutz: Sie lernt, sich zu schützen, aus dem Felde zu gehen (was früher nicht möglich war!), zB:
Ich merke gerade, wie müde ich bin. Ich brauche eine Pause!Nachfragen: Sie lernt, beim Sender der Botschaft nachzufragen, zB:
Meinst du damit …?, „Willst du mir damit sagen, dass …?Konfrontation: Sie lernt, den Spieß umzudrehen (s. Kasten), zB:
Dein letzter Satz fühlt sich nicht gut für mich an!
Das verletzt mich!
Dreh den Spieß einfach um!
Depressive Menschen richten “den Spieß” immerzu gegen sich selbst. Wichtig ist es, zu lernen, diesen Spieß wieder nach außen zu wenden!
Hier findest du mehr darüber:
Bild: Jannik Degner
Weitere Methoden
Dabei können Theorien und Methoden aus verschiedenen Selbstwahrnehmungs-, Selbstsicherheits-, Kommunikations- oder Konfliktbewältigungs-Trainings angewendet werden.
Die Betonung liegt hier aber weniger auf dem Aufbau dieser Skills, sondern eher auf deren Erlaubnis und Angemessenheit.
Viel Erfolg!