Streben und Sollen, Glück und Güte. Grundtypen moraltheoretischer Begründungsmodelle
Ethik entwickelt Moraltheorien. Dabei lassen sich modellhaft zwei Grundtypen unterscheiden: die teleologischen und die deontologischen Ansätze.
Im Laufe der letzten 2500 Jahre haben Menschen immer wieder versucht, Moraltheorien zu entwickeln. Dabei lassen sich modellhaft zwei Grundtypen unterscheiden: die teleologischen und die deontologischen Ansätze.
Aus ihren Annahmen erwachsen die klassischen Antagonismen der Ethik, die Gegensätze von zweckgerichteter Tugend und prinzipieller Pflicht, von Glück und Güte, von „Streben“ und „Sollen“.
Eine parallel zur „klassischen“ Differenzierung in teleologische und deontologische Ansätze liegt bei Max Webers Unterscheidung von „Verantwortung“ und „Gesinnung“ vor – man könnte auch sagen: von „Handlung“ und „Haltung“.
Aristoteles und Kant
Diese grundlegende Differenz wird in vielen Ethik-Einführungen paradigmatisch durchdekliniert an
Aristoteles’ eudaimonia
und Kants kategorischem Imperativ,
wobei die teleologische Front motivational durch den Konsequentialismus (Prinzip: Gut ist, was gute Folgen hat; bekannt aus utilitaristischen Theorien),
die deontologische durch den Intentionalismus (Prinzip: Gut ist, was aus guten Motiven getan wird; bekannt aus der Strafrechtstheorie) gestärkt wird.
Fraglich ist auch, wie sich in den Theorien das Gute als das mit der Moral der Gemeinschaft Übereinstimmende mit dem Guten des glücklichen Gelingens individueller Lebensvollzüge paart. Zu klären ist, wie sich die Güte zum Glück verhält und das Glück zur Güte, unter welchen Umständen der Glückliche gut und der Gute glücklich wird.
Das Gute und das Glück
Kant entwickelte im Umfeld des preußischen Pietismus’ sein Konzept einer autonom begründeten deontologischen Ethik. Er trägt damit seiner Abneigung gegenüber neuen eudämonistischen Strömungen Rechnung, die mit dem frühen Utilitarismus Benthams aus England auf den Kontinent hineinzubrechen drohten: Pflicht und Gebot statt happiness und pleasure.
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Das Problem ist dabei (im Pietismus mehr als in der Ethik Kants): Nicht nur, dass das Gute und das Glück auseinanderfallen, auch werden die Liebe und andere Tugenden zur Pflicht gemacht. Sie werden nicht mehr um ihrer selbst willen und wegen ihres glücksstiftenden Moments, sondern als Konsequenz der Gebotstreue verfolgt. Das Glück spielt keine Rolle mehr, es ist aus der Moral ausgeklammert. Ein gefährliches Unterfangen, denn wir können ohne das Streben nach Glück nicht leben.
Andererseits können wir auch ohne Moral nicht leben – ein echtes Dilemma. Aber ist es denn wirklich so, dass das Glück und das Gute in den teleologischen und den deontologischen Ansätzen bei Aristoteles respektive Kant auseinanderfallen? Mitnichten!
„Geht es Dir gut?“ – „Ja, ich handle gut.“
„Gutsein“ und „Glücklichsein“ – in der griechischen Antike war die Unterscheidung der beiden Begriffe überhaupt kein Gegenstand. „Gutsein“ als Gesamtheit tugendhafter Lebensvollzüge und „Glücklichsein“ als Gefühlskomponente fielen zusammen.
Auf die Frage „Geht es Dir gut?“ antwortete man: „Ja, ich handle gut.“
Es geht mir gut, wenn ich gut handle!
Mit anderen Worten: Aus tugendhaftem (= gutem) Handeln erwächst Glück. Bei Aristoteles gilt: Ich bin glücklich, wenn ich gut bin.
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„Freiheit zum Guten“ und Glückseligkeit
Thomas von Aquin
Thomas von Aquin bringt Freiheit (verstanden als „Freiheit zum Guten“) und Glückseligkeit zusammen, indem er die aristotelische Verbindung von Glück und Moral anthropologisch begründet: Das Streben nach dem Glück und dem Guten sind verschiedene Ausdrücke der einen menschlichen Natur.
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Das natürliche Sittengesetz ist somit ein inneres, es ist dem Menschen ins Herz und in den Verstand geschrieben, auch wenn es sich in äußerer Gebotsform ausdrücken lässt, wie etwa in der Goldenen Regel, die uns an das inhärente Sittengesetz „erinnert“.
Die Natur des Menschen „weckt die Tugenden“ und liefert damit die Bedingung der Einsichtsmöglichkeit in die Gültigkeit der Regel, die nicht vermittelt, gelernt und befolgt werden könnte, wenn nicht im Menschen die entscheidende Triebkraft ihrer Anerkennung läge.
Die anthropologische Betrachtung und die Bewusstmachung, was der Mensch ist, geht damit der Ethik voraus, so wie die Goldene Regel nur verstanden werden kann, wenn das Wesen des Menschen als „Freiheit zum Guten“ erkannt wird, eine Freiheit, die letztlich bei Thomas eine „Freiheit in Gott“ ist, denn Gott ist das summum bonum.
Achtung vor dem moralischen Gesetz – Kant
Kant wiederum zeigt uns in der Güte der Befolgung des moralischen Gesetzes ebenfalls eine Spur des Glücks. Moralisches Handeln geschieht zwar aus Pflicht, verursacht dabei jedoch eine tiefe innere Gefühlsregung, eine Bewegtheit, die Kant Achtung nennt.
Diese Achtung vor dem moralischen Gesetz, die jeder Mensch empfindet, sorgt dafür, dass aus pflichtgemäßem (also: gutem) Handeln Glück erwächst. Auch bei Kant gilt also letztlich: Ich bin glücklich, wenn ich gut handle.
Moral macht glücklich!
Einerseits macht Moral glücklich, andererseits ist ein Glücksstreben ohne moralische Grundsätze undenkbar, denn „auf dem Gebiet des Willens gibt es Zusammenhänge, die nicht beliebig aufgelöst werden können“, was zur Folge hat, dass sich unser Streben nach Glück stets im Rahmen gewisser moralischer Einstellungen hält.
Die Trennung von „Glück“ und „Güte“ erweist sich somit als völlig unbegründet, obgleich sie als wirkmächtiges Strukturierungsparadigma nach wie vor den „Frontverlauf“ im ethischen Diskurs markiert.
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