Zukunftsthemen im Renaissance-Utopismus 1 - Einleitung

Bei der Formulierung von Zukunftsvorstellungen ist es hilfreich, sich die Ansätze ver-gangener Epochen bei der Erfassung des aus ihrer Sicht Zukünftigen vor Augen zu führen. In den drei bedeutenden Utopien der Renaissance, also bei Thomas Morus’ Utopia (#Ad/Affiliate-Link) von 1516, Tommaso Campanella Civitas Solis (#Ad/Affiliate-Link) von 1602 und Francis Bacon Nova Atlantis (#Ad/Affiliate-Link) von 1624 treten diese Ansätze deutlich zu Tage.

Zur Aktualität dieser Entwürfe schreibt Klaus Heinisch im Nachwort der deutschen Edition der drei Texte: „Angesichts der modernen Lösungsversuche in Politik und Literatur sind ja die von den drei großen Denkern des Humanismus entworfenen Bilder bis in ihre letzten Einzelheiten von höchstem soziologischen Interesse. Denn die Grundprobleme des menschlichen Zusammenlebens in Familie, Gemeinde und Staat sind eben trotz aller äußeren Veränderungen dieselben ,innermenschlichen’ geblieben“ (1968, 219).

Der utopische Staat: (#Ad/Affiliate-Link) Utopia - Sonnenstaat - Neu-Atlantis

Utopien greifen in ihrem „Revuecharakter“ Aspekte zentraler Zukunftsthemen von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft auf. Entsprechend des Genres sind die vorgestellten Lösungen innovativ und originell und weisen eine Radikalität auf, die in der politischen Philosophie und innerhalb der Diskurse der Fachwissenschaften – etwa der Ökonomie – nur selten erreicht wird.

Ich möchte beschreiben, was ein Blick zurück auf die Utopien der Renaissance offenbaren kann, was wir heute von Morus, Campanella und Bacon über die Struktur, die Funktion und die Organisation relevanter Zukunftsthemen lernen können.

 

1.1 Thomas Morus

De optimo reipublicae statu, deque nova insula Utopia, 1516

Mit der als Reisebericht konzipierten Utopia (#Ad/Affiliate-Link – Quelle: Abdruck in Heinisch 1968, 7-110) begründet Morus die Utopie als literarische Gattung.

Morus verarbeitet sowohl den Anspruch Platons, einen Idealstaat zu entwerfen, als auch den Duktus der epikureischen Schule, der sich in der Gleichförmigkeit der Utopier zeigt, die jedes äußere Unterscheidungsmerkmal abgeschafft haben.

Das Gleichheitsparadigma bringt eine „kommunistische Monarchie“ hervor, deren hierarchisches System paternalistischer Sippen für eine flächendeckende Einbeziehung aller Bewohner in gesellschaftsbildenden Bereichen (Politik, Bildung, Wirtschaft) sorgt. Die Kehrseite der Uniformiertheit, die aus dem egalitaristischen Gerechtigkeitsbegriff erwächst, ist ein starrer Anti-Individualismus, der – wie schon in Platons Stände-Staat – keinen Raum bietet für ein Anders-Sein.

Utopia: (#Ad/Affiliate-Link) Übersetzt von Jacques Laager, mit Nachwort von Peter Sloterdijk (2018)

 

1.2 Tommaso Campanella

La Città del Sole, 1602

Mit dem Sonnenstaat (#Ad/Affiliate-Link) entwickelt Campanella ein idealisiertes Programm der eigenen politischen Aktionen (Abdruck in Heinisch 1968, 111-169). Wie bei Morus ist die Macht des Staates eine totale, die keinen Platz für Abweichler duldet und bis ins Privateste hineinragt. So wird etwa die Familienplanung nach eugenischen Prinzipien organisiert. Das Privateigentum ist wie in Utopia abgeschafft und damit – so Campanellas Vorstellung – auch Todsünden wie Neid, Habsucht und Missgunst. Staatstragend sind bei Campanella priesterliche Philosophen und Wissenschaftler, die absolute Vollmachten innehaben.

Campanella, der als Mönch und dann v. a. als Kerkerinsasse mit einer strengen Reglementierung aller Lebensbereiche hinlänglich vertraut war, versucht mit Nachdruck, Morus’ Gesellschaftsentwurf hinsichtlich der Tiefe und Breite staatlicher Eingriffe in das Leben der Menschen zu vervollkommnen. Die Lückenlosigkeit staatlicher Kompetenz und der fehlende Spielraum für Individualität wird durch gezielte Bildungsarbeit flankiert. Das theologisch aufgeladene Bildungsideal durchzieht den Staat von den organisationalen Aspekten bis hin zu städtebaulichen Maßnahmen. Letztes Ziel des Sonnenstaats ist es, die Eigenliebe ganz verschwinden zu lassen, damit nur noch Liebe zur Gemeinschaft besteht.

Morus und Campanella konstruieren Negationen der erfahrenen Wirklichkeit, d. h.   „[d]ie von Morus und Campanella festgehaltenen Bilder einer guten, gerechten und glücklichen Vergesellschaftungspraxis sind nur plausibel als Gegenbilder zu den unmenschlichen, ungerechten und unglücklich machenden Entwicklungen in der realen konkreten Gesellschaft, die sie kritisieren.“ (Gil 1997, 32).

Bacon hingegen will nicht die Negation, sondern die Perfektion des Realen.

 

1.3 Francis Bacon

Nova Atlantis, 1624

Bacons Erkenntnistheorie ist strikt gegen die deduktive Methodik des Rationalismus gerichtet, welche zeitgleich bei Descartes entsteht. Auf einer allein experimentell gewonnenen wissenschaftlich-technischen Basis soll der Mensch in die Lage versetzt werden, das Ziel der Naturbeherrschung zu erreichen.

Damit ergibt sich nach Bacon allein aufgrund des Fortschritts erstmals in der Geschichte die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens aller Menschen, da ökonomisches Konfliktpotential wissenschaftlich überwunden wird und menschliche Bedürfnisse infolgedessen kollisionsfrei befriedigt werden können.

Der aus heutiger Sicht überzogene Fortschrittsoptimismus erfährt in seiner Utopie Neu-Atlantis (Abdruck in Heinisch 1968, 171-215) eine organisationale Gestalt. In dem monarchistischen Inselstaat Bensalem gibt es verschiedene soziale Schichten und die Menschen verfügen – im Gegensatz zu den Utopiern und den Sonnenstaatlern – über Privateigentum.

Im Zentrum der Gesellschaft steht der Tempel Salomons, eine Art wissenschaftliches Institut, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, durch induktiv-experimentelle Verfahren und eine Interdisziplinarität der Forschung das Erkennen der Ursachen und verborgenen Ideen der Natur sowie die Erweiterung des geistigen Horizontes der Menschen zu fördern, um wissenschaftlich-technischen Fortschritt und damit wirtschaftliche Prosperität zu realisieren.

 

Nachfolgend möchte ich mich den Themen widmen, die nach wie vor zu den entscheidenden Zukunftsfragen gehören, nämlich die Aspekte Bildung und Arbeit.

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Dr. phil. Josef Bordat

Gastautor Dr. phil., Josef Bordat ist studierter Philosoph, Soziologe & Dipl.-Ing. Er arbeitet als Journalist & Autor und setzt sich dezidiert mit religiös-philosophischen Themen auseinander. Auf seinem Blog und in seinen Texten gibt er Einblicke in eigene Depressionserfahrungen und deutet sie aus christlicher Perspektive.

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