Fazit – Zukunftsthemen im Renaissance-Utopismus 4

Abschließend möchte ich noch einmal auf die Relevanz der utopischen Vorstellungen für die aktuelle Debatten um Bildung und Arbeit verweisen.

Zum einen ist das Bildungsideal zu nennen, das komplexes Wissen aus gesammelten Daten und Informationen interdisziplinär erzeugt (Bacon), für alle Menschen zugänglich macht (Campanella) und an Verantwortung bindet (Morus/Campanella) – wobei die brisanten Ansätze der Eugenik (Campanella) und der Gentechnik (Bacon) in diesem Zusammenhang negativ-utopischen Charakter haben. Dieses utopische Ideal stellt ein Leitmotiv ganzheitlicher Menschenbildung dar.

Zum anderen wird das brisante Thema Arbeit bzw. Verteilung des Arbeitsvolumens mit der postulierten Arbeitszeitreduzierung (Morus/Campanella) egalitaristisch verhandelt, was einhergeht mit dem Prinzip der Teilhabe aller am wirtschaftlichen Leistungserstellungsprozess (Morus) und was weiterhin keinen Spielraum lässt für Müßiggang (Morus/Campanella).

Wichtig für den zukünftigen Arbeitsbegriff scheint mir der Gedanke zu sein, dass hohe Effizienz und Produktivität nicht zum Wachstum des Arbeitsvolumens, sondern der Handlungsspielräume führen muss, d. h. effizient und produktiv ist Arbeit dann, wenn sie nicht mehr Arbeit nach sich zieht, sondern eine nachhaltige Erhöhung der Handlungsspielräume für den Menschen mit sich bringt.

Darin liegt eine Erinnerung an den sehr naheliegenden Begriff von Arbeit als einer selbstvermindernden Tätigkeit. Ergänzt um die Einfachheit des Lebensstils gelangt man so zu weniger Arbeitsvolumen, das jedoch von allen getragen wird - ganz im Sinne der beschriebenen utopischen Konzepte des Morus und Campanella.

Der Bescheidenheits- und Verzichtsethos mit der Einschränkung des Konsums auf die Deckung des tatsächlich notwendigen Bedarfs kann als Schlüssel dafür gelten, die Möglichkeit einer Arbeitszeitreduzierung auf ein Minimum zu realisieren. Im Gegensatz dazu steht in unserer Gesellschaft heute der Erlebniskonsum als quasireligiöser Zeitvertreib, in dessen Liturgie Bedürfnisbefriedigung und –weckung sich wechselseitig bedingen.

Damit entsteht eine paradox konstituierte Produktions-Konsumtions-Eskalation, die den Menschen, der Arbeit hat, immer mehr auf eine Verlängerung der Arbeitszeit festlegt und den, der keine hat, immer deutlicher aus der (Konsum-)Gesellschaft ausschließt. Eine Bedarfsorientierung im Sinne Morus’, die Arbeitszeit dadurch reduziert, dass nichts Unnützes hergestellt wird, weil dessen Besitztum keine Steigerung des Sozialprestiges bedeutet, öffnet also die Tür zu einer radikalen Verkürzung der individuellen Arbeitszeit.

Als Paradigma sei das „1000-Stunden-Jahr“ genannt, das der französische Sozialphilosoph André Gorz in Arbeit zwischen Misere und Utopie vorschlägt (2000, 135 ff.). Nur dadurch wird sich in Zukunft Vollbeschäftigung und Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben gewährleisten lassen. Und dies wäre nicht mehr und nicht weniger als die Basis des sozialen Friedens.


Bibliographie:

  • Gil, T.: Gestalten des Utopischen. Zur Sozialpragmatik kollektiver Vorstellungen. Konstanz 1997.

  • Gorz, A.: Arbeit zwischen Misere und Utopie. (#Ad/Affiliate-Link) Frankfurt a.M. 2000.

  • Heinisch, K. J. (Hrsg.): Der utopische Staat. (#Ad/Affiliate-Link) Reinbek bei Hamburg 1968.

Dr. phil. Josef Bordat

Gastautor Dr. phil., Josef Bordat ist studierter Philosoph, Soziologe & Dipl.-Ing. Er arbeitet als Journalist & Autor und setzt sich dezidiert mit religiös-philosophischen Themen auseinander. Auf seinem Blog und in seinen Texten gibt er Einblicke in eigene Depressionserfahrungen und deutet sie aus christlicher Perspektive.

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Dr. phil. Michael Mehrgardt