Bildung – Zukunftsthemen im Renaissance-Utopismus 2
2.1 Bildung bei Morus
Das Bildungsideal Utopias (#Ad/Affiliate-Link) ist einerseits ganz an Platons Politeia (#Ad/Affiliate-Link) orientiert, weil es eine allgemeine Schulbildung für Mädchen und Jungen vorsieht. Andererseits geht es mit dem ständeübergreifenden Zugang zur Bildung über Platons elitäres Gesellschaftsverständnis hinaus.
Morus nimmt den Bildungsoptimismus der Hochaufklärung vorweg, indem er unterstellt, Menschen könnten durch Bildung von rohen zu gesitteten Wesen erzogen werden. Doch neben dieser ethischen Komponente hat die breite Bildung auch praktische Bedeutung, denn alle müssen ein verwertbares Handwerk erlernen, um flexibel einsetzbar zu sein. Ein Wechsel von einer Branche zu anderen ist, im Gegensatz zu Platons Staat, abhängig von der Neigung möglich.
Bildung in Utopia ist also kein Selbstzweck, sondern ethisch wie arbeitsorganisatorisch nutzenorientiert, wobei aber nicht das Fortschrittsdenken, das bei Bacon zentral ist, im Vordergrund steht, sondern der Erhalt des Status Quo innerhalb des Gemeinwesens. Wissenschaftliche Bildung, die über das Maß der Erhaltungsnotwendigkeit hinaus geht, findet daher in der Freizeit statt. Die Beschäftigung mit Geometrie, Arithmetik, Physik und Astronomie ist jedoch trotz des Mangels an organisationaler Struktur mehr als beliebiges Privatvergnügen.
Wissenschaft ist Gottesdienst, insofern sie zur Ehre Gottes geschieht und an seinem Schöpfungsplan ausgerichtet ist und bleibt. Morus sucht hier unverkennbar die Versöhnung von Glauben und Wissen. Bildung und Wissenschaft erfahren bei Morus also keine Grenzen hinsichtlich von Zugangsbeschränkungen aufgrund gesellschaftlicher Klassenprivilegien, sondern allein in Bezug auf Zweckmäßigkeit und Gottgefälligkeit.
Während die Zweckmäßigkeit heute längst im Rahmen der Ökonomisierung von Bildung, Wissenschaft und Forschung mitgedacht wird, hat die „Gottgefälligkeit“ als Topos der ethischen Verantwortung einen schweren Stand. Dabei ist es von elementarer Bedeutung, jetzt und in Zukunft darauf zu achten, dass Bildungsinhalte und Forschungsgegenstände sich am Bedürfnis des Menschen orientieren. Religiöse Überzeugungen können hier eine Richtschnur sein.
Aktuelle Beispiele
Aktuelles Beispiel ist die offene Frage biotechnologischer Forschung. Aber auch der in Berlin zur Disposition stehende konfessionelle Religionsunterricht ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Hier verdichtet sich das Problem in einem doppelten Sinne, denn es besteht die Gefahr, dass mit einer faktischen Abschaffung religiöser Unterweisung nicht nur kulturelles Bildungsgut verloren geht, was jetzt weder „zweckmäßig“ noch „gottgefällig“ ist, sondern auch einer ausschließlich utilitaristisch orientierten Ethik der Boden bereitet wird, was künftige Konflikte mit christlichen Glaubensinhalten vorprogrammiert, denn es steht zu befürchten, dass die inhaltliche Ausgestaltung der utilitas ökonomischen Vorstellungen folgt.
Hier ist aus Morus’ utopianischer Bildungsethik eine Metaebene der Auseinandersetzung zu gewinnen, sozusagen eine „Ethik des Ethikunterrichts“, der als zentraler Bestandteil des Bildungskanons nicht nur einen Nutzenbegriff vermitteln sollte, der mit ökonomischer Zweckmäßigkeit einhergeht, sondern der den Menschen in seine ethische Verantwortung stellen muss.
Das gelingt am besten, so Morus, wenn Ethik religiös konnotiert ist, weil sich im Gottesbezug die Rolle des Menschen in Bildung und Wissenschaft klärt: Er hat als Geschöpf die Schöpfung im Sinne des Schöpfers fortzuschreiben.
2.2 Bildung bei Campanella
Campanella postuliert ein absolutes Bildungsideal. Die in sieben konzentrischen Kreisen verlaufenden Mauern um den Sonnenstaat sind mit Lehrmotiven geschmückt, so dass sie zum Bilderlexikon für die flächendeckende Volksbildung werden. Damit sind Bildungsinhalte immer und überall verfügbar.
Campanella Civitas Solis (#Ad/Affiliate-Link)
Für uns heute lässt sich zweierlei entnehmen.
Aktuelle Beispiele
Zum einen kann aus dem Aufbau der Sonnenstaats die überragende Funktion der Medien als Bildungsvermittler herausgelesen werden. Waren es bei Campanella die Mauern als Träger der Information, sind es heute Printmedien und das Fernsehen, aber auch die „Neuen Medien“, die hier eine besondere Bedeutung haben. Im Sinne Campanellas sind ihre bildungsstützenden Potentiale zu nutzen. Dabei ist zu beachten, dass Medien Information anbieten und kein Wissen, d. h. keine interpretierte, gerechtfertigte Information.
Die gelieferten Daten – ob von Mauern, aus Fachliteratur oder dem Internet entnommen – müssen gedeutet werden, damit Information in Wissen trans-formiert wird, denn nur durch die Rechtfertigung von Information wird Wissen begründet. Das Bewusstsein für diesen Interpretationsbedarf muss in Schule und Universität geschärft werden.
Zugleich muss für die Organisation von Bildung klar sein, dass Kompetenz im Rahmen informationaler Hermeneutik, so wichtig diese auch sein mag, nicht das Wissen selbst darstellt und es auch nicht ersetzen kann. Die τεχνή ist lediglich Mittel zur επιστήμή, nicht Selbstzweck. Bildung muss schließlich dafür sorgen, dass die notwendige Deutungshoheit nicht bei wenigen, sondern bei möglichst vielen liegt.
Zum anderen lese ich aus dem Eugenik-Ansatz Campanellas im Zusammenhang mit Bildung aber auch die Warnung vor Fehlentwicklungen in der Debatte um die Bildung als Rohstoff einer rohstoffarmen Gesellschaft heraus. Wenn etwa darauf verwiesen wird, dass in Deutschland – wenn überhaupt – die „Falschen“ Kinder bekommen, also bildungsferne Haushalte gering qualifizierter Menschen, dann sollte man aufmerksam werden, denn die Würde des Menschen verbietet eine derartige Klassifikation.
2.3 Bildung bei Bacon
Bacon ist Verfechter eines sehr wissenschaftlichen Bildungsideals, das jedoch auch den Anwendungsbezug ins Zentrum rückt, was schon an der Labororganisation erkennbar wird, denn die Aufteilung der Forscherteams erfolgt nicht nach Disziplinen, sondern nach dem jeweiligen Verwendungszusammenhang des Forschungsgegenstands.
Bacon: Neu-Atlantis: Utopische Vision einer idealen Gesellschaft
Bei diesem hochmodernen Wissenschaftsverständnis fällt auf, dass der Schritt von der Informationserhebung zur Wissensbildung berücksichtigt wird. Die enzyklopädischen Informationen über die Natur müssen demnach nicht nur gesammelt und kategorisiert, sondern auch entsprechend Bacons empiristisch-induktivem Wissenschaftskonzept ausgewertet werden, eine Arbeit, die in interdisziplinären Teams geschieht.
Aktuelle Beispiele
Insoweit war Bacon wissenschaftstheoretisch weiter als diejenigen, die unstrukturierte Datensammlungen als „Wissen“ anbieten, ohne sich Gedanken um Deutung, Verknüpfung und Selektion des Materials zu machen, eine Tendenz, die heute durch das Internet verstärkt wird, weil es scheinbar „Wissen“ bereit hält und schon die Abfrage eines Begriffs mit Hilfe einer Suchmaschine den Nachfrager scheinbar zum Experten erhebt.
Kritisch betrachtet werden muss der optimistische Fortschrittsglaube, der an dieses Wissenschaftsverständnis anschließt. Dass eine „neue Wissenschaftlichkeit“ zu einer „neuen Gesellschaft“ führt, ist offenkundig, unklar ist jedoch, wie diese ethisch zu bewerten ist.
Hier offenbart Bacon Lücken, die Morus und Campanella mit ihrer religiösen Grundmotivation zu schließen in der Lage sind. Gerade auch die künstliche Züchtung neuer Tier- und Pflanzenarten, die in den Laboratorien von Neu-Atlantis angestrengt wird, deutet auf eine hochaktuelle Entwicklung, der trotz oder gerade wegen ihrer Fortschrittlichkeit skeptisch begegnet werden muss.
2.4 Zusammenfassung
Es ist an der Zeit, zur Überwindung der Bildungsmisere ein Bildungsideal zu realisieren, das Bildung so versteht wie in den Renaissance-Utopien beschrieben, nämlich als allgemeines, volksnahes, lustvolles, anwendungsbezogenes, vielseitiges, sinnstiftendes und nicht zuletzt als stets an die ethische Verantwortlichkeit appellierendes Kulturgut.
Bildung sollte also weder auf ein „Bildungsbürgertum“ beschränkt sein bzw. sich durch übermäßige Zugangsbarrieren zu einem Exklusivgut für ökonomisch Bessergestellte entwickeln, noch sollte es darum gehen, Bildung zur Quizshow-Kompetenz zu degradieren, die allein an enzyklopädisch aufbereitetem Datenmaterial orientiert und interessiert ist.
Bildung umfasst mehr als die Fähigkeit, Geburtsdaten und Hauptstädte nennen zu können. Bildung verändert den Menschen. Diese Veränderung konstruktiv im Sinne ganzheitlicher Menschenbildung zu nutzen, ist der edukative Auftrag.