Aggressionen in Alltag und Beruf
3 wichtige Strategien gegen Aggression und Gewalt
Die Lunte wird kürzer
Warum werden die Menschen immer wütender?
Woher kommt dieser Hass?
Fehlen uns Empathie und Mitgefühl?
Kümmern wir uns nur noch um uns selbst?
Was können wir dagegen tun?
Bild: Canva/ MM
Bevor du erfährst, wie du Gewalt und Aggression vorbeugen kannst, folge kurz meinen Ausführungen über die HIntergründe.
Gewalt in Familie, Alltag, Beruf
Aggressionen, Wut und Gewalt nehmen zu. Das bekommst du im Beruf zu spüren, zB als Lehrerin, Feuerwehrmann, Notärztin, Verwaltungsmitarbeiter oder als Polizistin. Auch Ehrenamtler, zB aus Telefon- und Krankenhaus-Seelsorge, klagen darüber, dass die Lunte immer kürzer wird.
Gewalttaten im privaten Umfeld steigen an: Immer mehr Frauen werden misshandelt oder gar getötet, immer mehr Kinder Opfer von sexueller Gewalt. Die Täter werden rücksichtloser und brutaler, die Anlässe für Gewalt immer banaler.
Schon Kinder werden zu Schlägern und Mördern. Zeugen von Unfällen, Gewalttaten oder sexuellem Missbrauch schauen einfach weg.
Ursachen und gesellschaftliche Faktoren
Ohnmacht und Frust machen wütend …
… und man möchte nur noch draufhauen!
Armut, Ungerechtigkeit und Chancenlosigkeit verursachen Ohnmacht, Wut und Gleichgültigkeit. Die Einkommens- und Vermögens-Schere klafft immer weiter auseinander. Ein Drittel der Bevölkerung ist kaum in der Lage, an einem würdigen kulturellen und sozialen Leben teilzuhaben.
Bild: Canva/ MM
Zugleich verzetteln sich Parteien und Politiker in gegenseitigen Schuldzuweisungen und Streitereien.
3 Thesen
Ich will zu diesen wichtigen Ursachen weitere Faktoren ins Feld führen, die ansonsten keine Beachtung finden - und manches davon wird dich sicherlich überraschen.
Meine Beobachtungen dazu stelle ich dir hier in diesen 3 Thesen vor:
1. These: Wut tut gut!
Aggressionen, Wut und Gewalt sind nicht nur eine Art „Unfall“, sondern sie sind mit der Natur des Menschen verwoben. Um das zu verstehen, schauen wir uns einmal an, welche positiven Seiten sie haben. Die positiven Aspekte der Gewalt sind so offensichtlich, dass sie gerne übersehen werden. Ich behaupte also:
Gewalt ist Suche und Sucht nach …
Intimität + Nähe
(statt zunehmender Abschottung vom Anderen + sozialer Kälte)Wirksamkeit + Macht
(statt steigender Ohnmacht + Selbstunwirksamkeits-Erleben)Intensität + Lebendigkeit + Sich-Fühlen
(statt Depression + Langeweile)Zugehörigkeit + Identität
(statt Orientierungslosigkeit + Einsamkeit).
2. These: Die Gesellschaft ächtet Aggression, statt sie zu trainieren!
Überrascht dich diese These?
Wohin mit der Wut??
Dann frage dich doch einmal: Wo kann man, wenn man mal so richtig wütend ist, seine Aggressionen loswerden? Man muss sie runterschlucken, oder? Die Faust in der Tasche machen, tief durchatmen und dann wieder vernünftig, sprich: normal sein!
Was meinst du: Ist die Wut dann einfach weg? Sind Adrenalin, Blutdruck, Herzrasen, Muskeltonus einfach irgendwie im Boden versickert?
Moralin zur “Haarwäsche”
In den meisten Kindergärten darf man kein „Kriegsspielzeug“ mitbringen. Einen Stock spielerisch als Waffe zu verwenden und „PENG!“ zu schreien, das wird dort nicht gerne gesehen. Wenn das Kind dies doch einmal tut, kriegt es seinen Kopf mit einer Handvoll Moral gewaschen.
Und wenn der Hinterbliebene bei der Beerdigung auf die Verstorbene schimpft, weil sie ihn alleingelassen hat, wird er sanft aus der Kirche geleitet, und allen ist es peinlich.
Weil das Böse nicht sein darf, gibt’s es auch nicht …
Gewaltfreie Kommunikation, Ich- statt Du-Botschaften und immer schön direkt, spezifisch und situativ zu dem Anderen reden? Ganz ehrlich? Mich macht das wahnsinnig!!
Und es reicht auch nicht, Aggression einfach umgehen, umwandeln oder wegdefinieren zu wollen! Unter der Oberfläche brodelt es nämlich weiter und sucht Ventile.
… und wenn doch, schlucke es runter!
Oder, man lernt, all dies Böse von der Welt fern zu halten und schön brav nur gegen sich selbst zu richten. Dann ist die Gesellschaft zufrieden – und man selbst verabschiedet sich in die Depression …
Warum “Schlucken” depressiv macht und was du dagegen tun kannst, findest du unter dem Stichwort
Retroflexion: was wir uns selbst so alles antun
Was wir brauchen …
… sind Aggressionsräume. Das sind Orte, wo wir Wut, Ärger, Frust und Aggression loswerden können, wo wir lernen können, all diese negativen Gefühle zu äußern. Und genau das heißt ja Äußern: von innen ins Außen verlagern.
Innere Schlachtfelder: Es macht krank, diese ganzen negativen Energien in sich zu behalten, sie dort zu bunkern, zu unterdrücken, zu deckeln. Es macht krank, wenn wir in uns Schlachtfelder errichten, auf denen wir uns selbst bekämpfen. Wir müssen lernen, diese Schlachtfelder dorthin zu exportieren, wohin sie gehören: nach außen!
Aber Vorsicht! Dazu brauchen wir kompetente Anleitung, Ermutigung, Regeln und Kontrolle. Dazu findest du mehr an anderer Stelle unter dem Stichwort Aggression.
Wie ihr mit eurer Wut und eurer Aggression in Beziehungen umgehen könnt, habe ich ebenfalls genau beschrieben, siehe hier:
Aggressions-Rituale.
Regel:
Kümmert euch zuerst darum, eure Aggressionen loszuwerden. Und erst danach, wenn ihr alles - in nicht-destruktiver Weise (!) - rausgelassen habt, dann – und erst dann! – wendet euch der Konfliktlösung zu, zB mittels Gewaltfreier Kommunikation, Ich-Botschaften und anderen Methoden.
3. These: Wir sind ein Volk von Aberern …
… und das kann einen so richtig auf die Palme bringen!
Wenn du dich selbst kritisch befragst oder – was vermutlich leichter ist – anderen Leuten zuhörst, wirst du vielleicht meine Beobachtungen bestätigen: Sehr oft stellen wir der Äußerung eines Menschen eine Gegen-Position in den Weg, statt ihm zuerst einmal Fragen zu stellen, ihn sein Erleben schildern zu lassen, mitfühlend zu sein oder ihn zu bestätigen.
Diese Art von Kommunikation nenne ich Abern.
Übrigens: Das Aber kann man oft auch dann hören, wenn es gar nicht ausgesprochen wird!
„Aber“ zu sagen, bedeutet, dass man den Anderen mit seiner Äußerung nicht gelten lässt, dass man ihn berichtigt, konfrontiert, ihn beschämt, abwertet, dass man Macht oder Drohung ins Spiel bringt, ihm Regeln oder Moral vorhält, dass man Auswege oder Lösungen versperrt.
Beispiele, die du vermutlich kennst
Ich nenne jetzt einige typische Sätze oder Satzanfänge – mit ausgesprochenem oder unausgesprochenem Aber: Wie wirken sie auf dich, wenn du sie zu hören bekommst?
Aber das stimmt doch gar nicht!
Wenn du das tust, …!
Das ist doch irrational!
Aber was wäre, wenn alle so reagieren würden ...!?
Das geht doch nicht, weil …!
Aber jetzt komm doch erstmal runter!
Aber erstmal müssten Sie …!
Sie sind doch eine erwachsene Person!?
Jeder weiß doch, dass …!
Sie müssen doch einsehen, dass …!
Sie sind so emotional!
Sie sollten sich schämen!
Das ist unlogisch!
Kannst du dir vorstellen, wie du dich nach solchen Äußerungen fühlst und wie du reagieren würdest? Ärger dürfte insbesondere dann in dir aufbrausen, wenn du auf Hilfe, Mitgefühl oder Bestätigung gehofft hast und nun eine solche „Abfuhr“ erhältst.
3 Strategien zur Vorbeugung
Prinzipien
Ich will dir hier nicht einzelne günstige Sätze oder Antworten vorstellen, mit denen du aggressive Reaktionen anderer verhindern oder auflösen kannst. Hilfreicher finde ich, Prinzipien zu benennen, mit denen du herausfinden kannst, ob eine konkrete Verhaltensweise günstig ist oder nicht.
Nonverbale Kommunikation
Beachte dabei, dass natürlich Betonung, Gestik und Mimik auch „ein Wörtchen“ mitzureden haben. Mit entsprechender Betonung – und gewissen „Füll-Wörtern“ wie zB „eigentlich“, „auch mal“ – kriegst du auch noch den empathischsten Satz in einen Waffengang umgewandelt!
Kontext
Und klar, der Kontext spielt auch noch eine wesentliche Rolle. Vermeide es bspw, den Satz „Ich höre Stimmen!“ im Beisein eines Psychiaters auszusprechen!!
Hier die 3 Prinzipien:
Das 1. Prinzip: Miteinander statt Konfrontation!
Metaphern
Um Aggression oder Gewalt deines Gegenübers von vornherein zu vermeiden oder abzuschwächen, könnten diese beiden Bilder oder Metaphern hilfreich sein:
Judo: Beim Judo kämpfst du nicht gegen die Energie des Gewaltbereiten, sondern benutzt sie in deinem Sinne.
Durchgehendes Pferd: Hast du schon einmal auf einem Pferd gesessen, dass vor Schreck oder Panik durchgeht? Dann weißt du, dass du es auch mit aller Kraft nicht stoppen kannst. Was aber möglich ist: Du kannst es dirigieren, damit es nicht in einen Abgrund läuft.
Anwendung
Konkret kannst du folgendes tun, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass dein Gegenüber ausrastet:
physisch: Du gehst aus der „Schusslinie“, wenn du zB Beleidigungen oder Drohungen erlebst. Dazu stellst du dich in einem Winkel von 0 - 45 Grad neben den Anderen.
(In einer bedrohlichen Situation bringst du dich aber in Sicherheit, ok?!)Gestik & Mimik: Statt deine Handflächen abwehrend nach außen zu drehen, öffnest du deine Hände zu der Person hin.
Du nimmst „weichen“ Blickkontakt auf, du starrst sie nicht an. Schaue zwischendurch immer mal woanders hin, damit sie sich nicht kontrolliert fühlt. Wenn du sie die ganze Zeit anguckst, sieht das so aus, als würdest du sie nicht aus den Augen lassen.
Entsprechend mache „weiche“ Bewegungen. Harte, plötzliche, ausgreifende Gesten könnte der Andere als Bedrohung erleben.Diktion & Sprache: Niemand zwingt dich, einseitige oder falsche Bemerkungen des Anderen zu korrigieren. Wenn du ihm entgegnest: “Aber das stimmt doch gar nicht!”, dann “aberst” du - siehe oben - und agierst konfrontativ.
Stattdessen kannst du etwas logisch oder moralisch Falsches ruhig mal so stehenlassen, statt sofort dagegenzuhalten. Wenn er oder sie zB sagt, alles in Deutschland sei Scheiße, musst du das nicht richtigstellen. Du könntest sagen: „Ok, das denke ich auch manchmal. – Was genau hat Sie so frustriert?“
Verwende „weiche“ Formulierungen wie zB: „Sie sind aufgebracht!“ statt: „Sie sind aber (!) aggressiv!“ - Oder statt: “Na, da haben Sie sich ja gründlich verarschen lassen!” solltest du eher so etwas sagen wie: “Da waren Sie vielleicht etwas zu gutmütig, oder?”Infragestellung: Wenn du „Warum“-Fragen (oder Weshalb, Wieso, Wozu …) stellst, klingt das für dein Gegenüber wahrscheinlich zweifelnd, beschuldigend oder konfrontierend, zB: “Warum haben Sie das denn bloß gemacht?” Der Andere hört möglicherweise so etwas heraus wie: “Na, da sind Sie ja auch selbst schuld!” und fühlt sich beschämt oder gedemütigt.
Du könntest stattdessen „Wie“- oder „Was“-Fragen stellen, zB. “Wie hast du das erlebt? Was hast du dann gemacht? Wie geht’s dir damit? Wie interpretierst du das? Was hättest du jetzt gerne?”
Das 2. Prinzip: Würdigung & Gemeinsamkeiten
Menschen wollen sich gesehen und gehört fühlen. Menschen brauchen Anerkennung, Würdigung und – ja – auch Zustimmung.
Vielleicht kennst du das auch: Du berichtest deiner Ärztin von deinen Beschwerden, und sie sagt unmittelbar: „Dann müssen Sie eben X tun!“ Auch wenn sie Recht haben mag – zunächst braucht man ein Signal, dass man gehört und ernst genommen wird. Die Reaktion „Dann müssen Sie eben X tun!“ kommt bei mir oft so an, als würde man mich für blöd halten – es fehlt nur noch am Ende ein: „… Dummerchen!“ - vielleicht auch noch mit so einer wohlmeinenden Gutmütigkeit in der Stimme …
Stattdessen könntest du wie folgt reagieren:
Ernst nehmen: Du nimmst die Wut oder Kränkung ernst und sagst bspw.:
Ok, das hat dich also richtig sauer gemacht!?Erzählen lassen: Du forderst die Person auf zu erzählen, was genau sie so wütend, hilflos, ängstlich, traurig etc. macht.
Affirmationen geben: Du gibst dem Gegenüber Bestätigung, zB:
Das ist dein Gefühl, das ist ok!
Das verstehe ich! Da wäre ich auch sauer!
Sie haben sicherlich einen guten Grund für Ihre heftige Reaktion!Interesse zeigen: Du stellst weitere Fragen zur Situation und dazu, wie der Andere diese interpretiert hat.
Sich einbringen: Du könntest über eigene ähnliche Erlebnisse berichten – aber bitte nur kurz, weil es ja nicht um dich geht!
Ein Wir erzeugen: Du kannst auch Gemeinsamkeiten herstellen – das nennt man Konfluenz. Das bedeutet, kurz gesagt, dass die Grenze zwischen dir und dem Anderen durchlässig wird. Wenn er zB heftig atmet, kannst du ruhig atmen und ihn damit etwas besänftigen. Du kannst dich vorsichtig an seine Gestik und Mimik anpassen, du kannst einige seiner Worte aufgreifen.
Aber mach das nicht zu stark, damit er sich nicht auf den Arm genommen fühlt!Aggressionen ermöglichen: Und schließlich kannst du deinem Gegenüber Raum für seine Aggressionen geben, so dass er diese mal so richtig rauslassen kann.
Das ist nur dann zu empfehlen, wenn du einige Regeln einhältst: Dazu schaue dir unbedingt meine Anleitungen an, sonst könnte es schief gehen. Die findest du zB unter dem Stichwort Retroflexion bei Depressionen:
https://www.die-inkognito-philosophin.de/blog/retroflexion
Das 3. Prinzip: Lösungen
Wenn du jetzt eine gute Atmosphäre zwischen dir und dem Anderen hast schaffen können, kann es sinnvoll sein, über Lösungen und Auswege – oder auch über Hindernisse, die im Weg stehen – zu sprechen.
Aber bitte: Haue deinem Gegenüber jetzt nicht deine Rat-Schlägeund Vor-Schlägeum die Ohren!
Vielmehr kannst du Folgendes tun:
Angebote machen: Du erfragst mögliche Auswege oder bietest deine Lösungs-Ideen vorsichtig an.
Scham abbauen: Wichtig ist, dass die Person ihr Gesicht wahren kann! Ermögliche ihr einen würdigen Rückzug!
Redundanz zulassen: Höre dir ggf nochmals ihre Erklärungen an. Wenn sie sehr heftig reagiert hat, möchte sie sich vielleicht rechtfertigen und entschuldigen. Verstelle ihr den Ausweg nicht! Beachte, dass oft mehrere Wiederholungen (Redundanz) nötig sind, um sich bestätigt zu fühlen!
Auswege eröffnen: Zeige Möglichkeiten auf, wenn dein Gegenüber sich irgendwie festgefahren hat. Unterlasse es, mögliche Auswege mit Regeln, Drohungen, Nötigungen oder Beschämungen zu verstellen!
Verbindlich sein: Triff konkrete Vereinbarungen mit dem Anderen, damit er einen konkreten und gangbaren Weg aus seinem Problem sieht. Versichere ihm, dass deine Tür weiterhin offen bleibt!
Über das Gespräch sprechen: Am Ende ist oft ein gemeinsamer Rückblick, eine Abschlussbewertung hilfreich. Dieses Sprechen-Über nennt man Metakommunikation. Das heißt, ihr sprecht kurz über das Gespräch, zB:
Das war gut, dass wir gesprochen haben!
Geht’s dir/ Ihnen jetzt besser?
Wie gut, dass wir zusammen die Kurve gekriegt haben, oder?
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