Selbstoptimierung - oder Selbstausbeutung?

Bin ich wirklich nicht ok??

 

Ich bin ok - ich bin nicht ok - ich bin ok - ich bin nicht ok - ich bin …

Hast du auch den Eindruck, dass du irgendwie nicht richtig bist? Vergleichst du dich mit anderen? Suchst du auf social media nach Antworten? Und hast du jetzt endlich die passende Diagnose gefunden, die alles erklärt? – Aber Vorsicht:

Du zahlst einen Preis dafür!

 

In den sozialen Medien

gibt es unendlich viele Personen, die angeblich genau wissen, was dir gut tut. Sie geben dir Anleitungen, wie du selbstbewusst, attraktiv, beliebt und erfolgreich sein kannst - Du musst einfach nur:

abnehmen, täglich trainieren, deine Lippen aufspritzen und Fett absaugen lassen, täglich auf deine Wangenknochen einschlagen (damit sie stärker hervortreten!), Proteine futtern, richtiges Englisch lernen, Shots trinken, positiv denken …

Glaube mir: Das ist eine Falle!

Folge mir für einen Moment und finde eine bessere Alternative!

 

Was sagt die Philosophie?

Der südkoreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han
schreibt, dass in unserer heutigen Gesellschaft nur noch Effizienz und Vermarktungszwang eines Jeden zähle.
Folgen seien Sinnleere, Müdigkeit und Depression. Unter dem Deckmantel der Erzählungen von Freiheit und Individualismus verwandle sich die kapitalistische Ausbeutung der Arbeitenden zunehmend in eine scheinbar freiwillige Selbstausbeutung, die sich als Selbstoptimierung tarnt.

Warum bin ich, wie ich bin?

Immer wieder stellst du fest, dass du im Vergleich zu anderen Menschen nicht richtig funktionierst, dass dir alles viel schwerer fällt! Was anderen leicht von der Hand zu gehen scheint, ist für dich unendlich schwer.
Die Vergleiche mit anderen nehmen zu und fallen immer negativer aus: Schließlich merkst du, dass du nicht ok bist, dass du nicht der Norm entsprichst.

Du gerätst in eine Spirale der Selbstabwertung! Du suchst Hilfe!

Social Media hilft – hilft Social Media??

All deine vermeintlichen Mängel und Unzulänglichkeiten erzeugen großes Leid und ungeheuren Druck in dir. Also fängst du an, bei Google, Tiktok & Co nach Posts von Leuten zu suchen, denen es genauso geht wie dir. Du stößt auf Erfahrungsberichte, in denen du dich wiederfindest – und schließlich taucht ein Begriff auf, der deinem ganzen Leiden einen Namen gibt.

Du findest eine passende Diagnose

Das passt ja genau auf mich, denkst du! Du beginnst dich zu fragen, ob du vielleicht auch unter ADHS, hochfunktionaler Angst/ Depression oder Hochsensibilität leidest! Sofort fühlst du dich entlastet, endlich kannst du dir und anderen dein Versagen und dein Sosein erklären! Du bist rehabilitiert: Du kannst ja überhaupt nichts dafür!

Also weißt du jetzt, dass dein Leiden einen Namen hat!

Außerdem gibt es andere Leute mit genau denselben Symptomen. Es sind gar nicht so wenige. Leute, die genauso sind wie du.

Also bist du nicht allein!

Und diese Leute kennen sich aus. Sie haben Erfahrungen, von denen du lernen kannst. Sie wissen, welche Wege in der Sackgassen enden und welche erfolgversprechend sind.

Es gibt also Hoffnung.

Die Diagnose hat 2 Seiten

Aber irgendwann merkst du, dass das ganze zwei Seiten hat. Es gibt auch einen Haken, du zahlst einen Preis für deine neue Zugehörigkeit und Hoffnung. Sicherlich: Einerseits spürst du vielleicht eine große

  • Entlastung:
    Du weißt jetzt: Es ist eine Krankheit, die jeden treffen kann. Ich kann mich jetzt akzeptieren, wie ich bin. Ich kann nichts dafür, wie ich bin!

    Andererseits erlebst du zunehmend auch die andere Seite der Medaille, eine

  • Stigmatisierung:
    Du erlebst auch den mitleidigen Blick, das Naserümpfen oder die Ungläubigkeit anderer. Du weißt jetzt ebenso: Ich muss einen Preis dafür zahlen: Ich habe jetzt eine Diagnose, die besagt: Ich bin nicht normgerecht! Also bin ich offenbar schlechter, schwächer, weniger leistungsfähig als andere - und kein vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft!

Loopings* rollen auf uns zu

Loopings sind eine Art soziale „Ansteckung“

Es sind selbstbestätigende Rückkopplungs-Schleifen. Sie führen dazu, dass vormals normale Verhaltens- und Erlebensweisen nunmehr als krankheitswertig bezeichnet werden und dass sogar ganz neue Krankheitsbilder entstehen. Diese erweiterten Krankheitskategorien können auf unterschiedliche Weise zustande kommen, und zwar durch

  • Interaktion zwischen Betroffenen, zB in social media-Posts: Looping I

  • Interaktion zwischen Therapeutinnen untereinander: Looping II

  • Interaktion zwischen Betroffenen und Therapeuten: Looping III

* Zu Looping vgl.: Padberg, Thorsten, 2025: Die Macht der Diagnosen. Looping-Effekte und die Folgen für die Psychopathologie. Psychotherapeutenjournal, 1, 4-11.


Neue Normen und Bewertungs-Maßstäbe entstehen

Infolge dieser “Ansteckungen” bei digitalen und analogen Treffen von Leuten, zwischen Fachleuten im kollegialen Austausch oder in den therapeutischen und ärztlichen Praxen werden ganz neue Krankheitsbilder und Diagnose-Kriterien generiert. Man unterscheidet zwischen horizontalen und vertikalen Loopings:

a)  Horizontale Loopings
bezeichnen einen Vorgang, der in Studien von Nicolas Haslam* als concept creep bezeichnet wird.

*Haslam, Nicolas, 2016: Concept creep: Psychology’s expanding concepts of harm and pathology. Psychological Inquiry, 27 (1), 1-17.

Das bedeutet, dass sich Klassifikations-Kataloge psychiatrischer Erkrankungen (wie DSM oder ICD-11) immer neue menschliche Phänomene als krankheitswertig “einverleiben” und in spätere Ausgaben aufnehmen, die zuvor nicht als Krankheiten galten, zB:

Schlafstörungen, Substanzmissbrauch, Verhaltenssüchte, Bulimie, Tourette oder Anorgasmie, ADHS, amotivationales Syndrom („Null Bock“)

b) Vertikale Loopings
liegen dann vor, wenn immer leichtere Symptom-Ausprägungen oder zuvor als normale Lebenskrisen angesehene Zustände als krankheitswertig definiert werden, zB:

Früher galt Trauer mit einer Dauer von über 2 Jahren als pathologisch, heute reichen schon etwas mehr als 2 Wochen, um von einer Erkrankung zu sprechen.

Das sind die Folgen

Statt dich gegen soziale und pathologische (Selbst-) Bewertungen und Optimierungszwänge zur Wehr zu setzen, bezeichnest du dich selbst als nicht der Norm entsprechend und schreibst dein fehlerhaftes Sosein fest.

Lösungen

Selbstaffirmation statt Selbstoptimierung!

Diese Selbstoptimierungs-Strategien scheitern nahezu immer:

  • Entweder man schafft die selbstauferlegte Optimierung nicht - und fühlt sich schlecht.

  • Oder man hat das Ziel tatsächlich erreicht - die Lippen sind dicker, der Bauch dünner, die Falten gestrafft, die Wangenknochen exotischer - und fühlt sich noch schlechter!

Erklärung: Die Optimierung solcher Attribute bringt für Selbstbewusstsein, Selbstzufriedenheit und Selbstsicherheit gar nichts! Sobald nämlich ein Attribut verbessert wurde, drängt sich die nächste Unperfektheit in den Vordergrund.

Wirklich nachhaltig - und auch viel beeindruckender - ist es, wenn ein Mensch lernt, sein Sosein zu akzeptieren und zu lieben; denn lieben kann man nur, was man nicht verändern will!

Verborgene Stärken: Manchmal entdeckt man sogar, dass “hinter” dem vermeintlichen Defizit eine wahre Stärke verborgen war, die sich dem Betreffenden erst jetzt, da er sich so mag, wie er ist, zeigt.

Was du stattdessen für dich tun kannst

Du kannst dich zB fragen, welche erlernten oder “geschluckten” Überzeugungen dafür verantwortlich sind, dass du mit dir so unzufrieden bist:

a)  Introjekte: Lerne, deine Introjekte (verinnerlichte Normen, Gebote, Verbote, Regeln, Glaubenssätze …) kennen. Lerne, sie zu hinterfragen. Verabschiede dichvon denjenigen, die dich krank machen!

Dazu kannst du dir anschauen, was ich über Introjekte veröffentlicht habe:
https://www.die-inkognito-philosophin.de/mehrgardt-auswege-depressionen#2

b) Selbstunzufriedenheit: Lerne, dass deine Selbstoptimierungen auf deiner Unzufriedenheit mit dir selbst beruhen. Lerne zu erkennen, dass deine Optimierungsversuche Selbstabwertungen und letztlich Selbstverletzungen sind. Lerne, wie du den “Spieß”, den du gegen dich selbst richtest, (wieder) nach außen zu wenden!

Schaue dir also meine Beiträge über Retroflexionenan und lerne zu erkennen,was wir uns so alles selbst antun:
https://www.die-inkognito-philosophin.de/mehrgardt-auswege-depressionen#3

c) Psychotherapie: Leider ist die heutige Psychotherapie dabei keine große Hilfe, weil sie nämlich den Blick ebenfalls eher auf die Fehlerhaftigkeit der Hilfesuchenden richtet und gesellschaftliche Bedingungen aus dem Blick verliert! Unter dem Titel Die vergessene Gesellschaft kannst du mehr über meine Kritik an der heutigen Psychotherapie erfahren:
https://www.die-inkognito-philosophin.de/mehrgardt-sackgassen#kritik4


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Dr. phil. Michael Mehrgardt

Hallo, meine Name ist Dr. phil. Michael Mehrgardt und ich war fast 40 Jahre lang als Psychologischer Psychotherapeut tätig. Dabei musste ich viele Missstände kennenlernen, die ich auf diesem Psychotherapie-Blog offen anspreche, das Thema: Grenzverletzung in der Psychotherapie. Auf meinem YouTube-Vlog  findest du Selbsthilfe-Tipps bei Depressionen, Ängsten, Paarkonflikten & Co.

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Paulo Moacyr Barbosa Nascimento

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